Tatverdächtiger schweigt

41-jähriger  soll mindestens vier Jungen sexuell missbraucht haben / Zweiter Tatverdächtiger

Staufen. „Leider ist die schöne Stadt Staufen nun bereits zum zweiten Mal unverschuldet in den Fokus  gerückt“, erklärte der Leitende Kriminaldirektor Peter Egetemaier in einer eilig anberaumten Pressekonferenz im Polizeipräsidium Freiburg am gestrigen Dienstag. Grund dafür sind  weitere  Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der Fauststadt.

Im Fokus der Ermittlungen steht ein 41-jähriger Deutscher, der bereits zwischen 2004 und 2007 wegen eines ähnlichen Verdachts vor Gericht stand, damals aber wegen Mangels an Beweisen freigesprochen wurde. Er soll sich zwischen 2009 und 2018 an mindestens vier minderjährigen Jungen sexuell vergangen haben. „Wir gehen davon aus, dass der Angeklagte keine Gewalt angewendet hat, sondern mithilfe von Manipulation und Geschenken ein Vertrauensverhältnis zu den Jungen aufgebaut hat“, so Mathias Kaiser, Leiter der zwölfköpfigen Ermittlungsgruppe „Burg“, die im Zuge der Ermittlungen ins Leben gerufen wurde. Zwei der Betroffenen habe der 41-Jährige während seiner Zeit als Betreuer beim Pfadfinderstamm „Lazarus von Schwendi“ der evangelischen Kirchengemeinde kennengelernt und sexuell missbraucht. Die Taten fallen in den Zeitraum zwischen 2009 und 2013. Zwei weitere Geschädigte lernte er nach Angaben der Polizei im Freizeitbereich kennen. Man gehe in diesen Fällen von einem Tatzeitraum zwischen 2014 und 2018 aus, so der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer. 

Missbrauch in über 400 Fällen

Insgesamt wird dem Mann aus Staufen zum jetzigen Zeitpunkt sexueller Missbrauch und schwerer sexueller Missbrauch in über 400 Fällen vorgeworfen. Seit dem 22. Februar sitzt der Verdächtige in U-Haft, wenige Tage zuvor war die Mutter eines heute 17-Jährigen, der zum Tatzeitraum zwischen neun und elf Jahre alt gewesen ist, bei der Polizei Staufen vorstellig geworden. „Wir mussten bei den Ermittlungen ein Höchstmaß an Diskretion und Fingerspitzengefühl anwenden – auch um die Geschädigten zu schützen“, erläutert Peter Egetemaier den Ablauf der Ermittlungen. Die Opfer seien schwer traumatisiert, mittlerweile habe man mit über 100 Personen gesprochen und könne nicht ausschließen, dass sich weitere Geschädigte bei der Polizei melden.


Der Beschuldigte schweigt seit seiner Festnahme im Februar beharrlich zu den Vorwürfen gegen ihn. Die Polizei geht davon aus, dass er den Kindern und Jugendlichen suggeriert hat, dass die sexuellen Handlungen, die er an ihnen vorgenommen haben soll, vollkommen normal seien. Die Taten selbst hätten im „geschützten Raum“ stattgefunden, gab Mathias Kaiser bekannt, der sich  zu weiteren Details zum jetzigen Stand der Ermittlungen nicht äußern wollte. Bilder oder Videos der Taten habe man bisher nicht sichern können. 


Zweiter Verdächtiger im Visier
„Wir gehen davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt“, so Mathias Kaiser, dennoch sei die Polizei im Laufe der Ermittlungen auf einen zweiten Mann aufmerksam geworden, der ebenfalls Betreuer bei der Pfadfindergruppe gewesen ist und der gegenüber jungen Mädchen und weiblichen Jugendlichen sexuell übergriffig geworden sein soll. Die Taten sollen laut Angaben einer Zeugin sechs bis sieben Jahre zurückliegen. Die Polizei geht davon aus, dass sich die beiden beschuldigten Männer kannten, nicht jedoch, dass sie gemeinsame Sache machten. Gegen den heute 27-jährigen Verdächtigen liegen  bisher nicht genug Verdachtsmomente vor um eine Untersuchungshaft zu rechtfertigen, gab die Erste Staatsanwältin Nikola Nowak, die bereits in den Missbrauchsprozess um Christian L. und Berrin T. involviert war, bekannt. 


Ein Zusammenhang zu besagtem Missbrauchsskandal, bei dem eine Mutter aus Staufen ihren Sohn gemeinsam mit ihrem Freund jahrelang missbrauchte und Pädophilen im Internet anbot, besteht der Polizei zufolge nicht. Des Weiteren gebe es dieses Mal auch keine Hinweise auf Fehler oder Versäumnisse des Jugendamts. David Hildebrandt