Der Kommentar

Mehr Schatten als Licht

Ein globales Großereignis wirft seine Schatten voraus. Leider ist längst klar, dass diese Schatten das Licht der Fußball Weltmeisterschaft 2022 in Katar  bei weitem übertreffen werden und das liegt nicht daran, dass zumindest in unseren Breiten erstmals Sonnenschein während einer Fußball-WM  die Ausnahme sein wird. Die erste Winter-WM der Geschichte hätte niemals an das Emirat  Katar  vergeben werden dürfen; zumindest nicht so bedingungslos und in Ignoranz der im Gastgeberland herrschenden Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie  des einer antiquierten Weltanschauung geschuldeten Umgangs mit Menschenrechten. Dass bei der Vergabe der Austragungsrechte vor zwölf Jahren  Korruption im Spiel war, ist ein offenes Geheimnis.   Das Turnier war zunächst sogar  für den Sommer im Wüstenstaat geplant,  was angesichts der  dort üblichen Temperaturen schlicht nicht realisierbar gewesen wäre. Erst später einigte man sich auf den  Termin im Winter und  extrem herunterklimatisierte Stadien. Vor dem Hintergrund  der aktuellen weltweiten Energiekrise ist das ein zusätzlicher Hohn. 
 Trotz erkennbarer Reformen in Katar ist die Fußball-WM 2022 ein zwiespältiges Event; vor allem  wegen der Menschenrechtsverletzungen.  Beim Bau der Stadien und beim Ausbau der Infrastruktur starben laut Medienberichten Tausende von (Fremd-)Arbeitern. Der Grund:  unzumutbare Arbeitsbedingungen, eine Art modernes Sklaventum. Hinzu kommt die rechtliche und gesellschaftliche   Ungleichheit von Männern und Frauen, die  schlicht    nicht akzeptabel ist. Die  Diskriminierung der LGBTQIA+-Community in Katar ist – nach den  Maßstäben einer aufgeklärten Welt  – ein Skandal. Der Fehler bei der WM-Vergabe an Katar liegt zwölf Jahre zurück. Die Fußballspieler, die ab Sonntag, 20. November, bei der WM im Emirat spielen, sind dafür nicht verantwortlich. Boykottaufrufe  sind dem Zeitgeist geschuldet und realitätsfern. Ob eine  Verweigerung des Fernsehkonsums funktioniert und gegebenenfalls  Frauenrechte in Katar stärkt, ist fraglich.  Die Vertreter der freien Welt, ob in kurzer Hose auf dem Platz, als Fan auf der Tribüne oder als Berichterstatter (auch) hinter den Kulissen, sollten demokratische  Errungenschaften moderner Gesellschaften in Katar nicht unter den Scheffel stellen, sondern demonstrativ betonen! Dennoch ist klar: Das Kind ist vor 12 Jahren  in den Brunnen gefallen – die FIFA hat  die Vergabebedingungen für  Weltturniere inzwischen reformiert – hoffentlich wirkungsvoll.
Ob ich die WM im Fernsehen schaue? Ja! Aber nur die Spiele der Deutschen, sonst nichts. Das ist mein privater Kompromiss. Niemand sollte sich schämen, dass er oder sie den Fußball liebt. Frank Rischmüller