Überschaubarer und unaufgeregter

Weihnachtsfest in Nordweil vor 140 Jahren - Erinnerungen von Pfarrer Fridolin Götz. Nordweil. Heiligabend und Weihnachten liegen hinter uns. Die Geschenke sind verteilt und ausgepackt. Die Feiern in der Familie unter dem Christbaum Zuhause und/oder im Freundeskreis haben wir ebenfalls hinter uns, obligatorische Besuche bei Verwandten sind getätigt. Der Alltag will wieder Einkehr halten.

Für viele Menschen war die zurückliegende Zeit nicht nur eine Zeit der Stille und Einkehr, sondern vielfach geprägt von Tagen, gar Wochen betriebsamer Geschäftigkeit und stressiger Hektik. Und so mancher sehnt jetzt eine Alltagsnormalität geradezu herbei.

Um wie viel anders - vor allem überschaubarer, unaufgeregter, fühlbar bescheidener – Weihnachten in seiner Kindheit und Jugend in seiner Heimat war, beschreibt der vor genau 150 Jahren in Nordweil geborene Pfarrer Fridolin Götz (1868-1942) aufschlussreich in seinem 1925 erschienen Buch „Sonnenschein – Erinnerungen aus der Kindheit“. Dort ist zu lesen: „Die seligsten Gefühle löste aber das ersehnte Weihnachtsfest aus. So sang ich einst am Christabend beim warmen Ofen sitzend das 'Stille Nacht' in der Dämmerung, während man noch im Walde den Christbaum holte. Würziger Tannenduft zog mit ihm durch die Stube.“

Ehrenplatz fürs Christkind

„Nun ging es ans Schmücken des Bäumchens mit Äpfeln, Birnen, Gebäck und allerlei Zierrat. Nüsse wurden versilbert, vergoldet, auch angefeuchtet in Mehl getaucht zum Christbaumschmuck. War der Baum fertig, so kam die Aufstellung der Hirten mit den Schäfchen und des Verkündigungsengels, und zuletzt wurde das Wachschristkind herbeigeholt, das in sein feines Spitzenbett eingebunden lag und aus dem Kloster Lichtenthal stammte. Es erhielt den Ehrenplatz unter dem Christbaum.“

„Wenn dieser dann im Lichterglanz erstrahlte und das Christkind seine Geschenke freigebig austeilte, dünkte ich mich so selig wie die Engel der Christnacht. Um Mitternacht wurde während des Stundenschlags auf der Kirchenuhr am Brunnen oft noch 'Heiliwog' geholt und getrunken, dann gings mit den Geschenken zu Bett.“

In der Kirche

„Am Weihnachtsmorgen bewunderten wir das Christkind in der Kirche. Es lag in der Krippe, umwölbt von Tannenzweigen, und machte trotz der stets gleichen Einfachheit der Aufmachung tiefen Eindruck, besonders wenn noch das 'Holder Knabe' und andere Weihnachtslieder gesungen wurden. Jedes Kinderherz wird vom Weihnachtsfest ergriffen, ist dieses doch das eigene Fest für die Kinder.“ Reiner Merz