"Der Maskenträger sollte begreifen, warum er sich maskiert"

Erstes Europäisches Maskensymposium in Elzach - Traditionen, Bräuche und Fastnacht

Elzach (mkt). „Das Maskenwesen lebt nur über die Emotionalität“, war eine der Kernaussagen des ersten Europäischen Maskensymposiums, das vergangene Woche in Elzach stattfand. Drei Tage lang war die „Schuttigstadt“ das „Epi-Zentrum“ der europäischen Maskenkultur. Hier tauschte sich die Fachwelt in teilweise hochkarätigen Vorträgen und ansprechenden Diskussionen über Traditionen und Bräuche, aber auch die Zukunftsfähigkeit einer Kultur aus, die unser aller Sein über Jahrhunderte geprägt hat.

Drei Tage lang nur über Masken und  Larven „schwätzen“ – was gibt’s da so vieles zu diskutieren?, mag sich mancher gedacht haben, als er die Ankündigungen zum ersten Europäischen Maskensymposium gelesen hat. Man kann – und wie! Weil sich die Veranstaltung nicht nur auf das rein Handwerkliche der Maskenherstellung aus welchem Material auch immer beschränkte. Sondern viel mehr noch die Hintergründe, Zusammenhänge und Beweggründe beleuchtete, die die Menschen aus allen Epochen unseres menschlichen Daseins und in allen Teilen dieser Erde dazu brachte und immer noch dazu bringt, sich die verkleiden, zu vermummen, unkenntlich zu machen – oder aber auch ihr wahres „Ich“ in der Verkleidung auszuleben. Das beschränkt sich beileibe nicht nur auf die Fastnacht, den Karneval oder sonstige illustre Veranstaltungen. Und dass da in der heutigen schnelllebigen Zeit mit ihrer Event-(Un?)kultur manches aus dem Ruder läuft, was Traditions- und Brauchtumsbewahrern die Zornesröte ins Gesicht treibt kam ebenso anschaulich zur Sprache. Verkleiden, vermummen, sich im Spiel mit anderen messen, das gab’s schon immer. Die gegenseitige Wechselwirkung von Theater und Schauspiel auf die Entwicklungen der heute in unserem Raum gepflegten Traditionen kam dabei ebenso zu Geltung, wie die sich daraus entwickelnde Funktion der Maske im närrischen Spiel. Dabei kam durchaus auch Kontroverses auf den Tisch: Etwa, als Traugott Wöhrlin aus Kirchzarten die Entwicklungen der Villinger Fasnet „von der Masquera-Fasnet zum Hästräger-Event“ kritisierte, deren Zunftmeister Anselm Säger aber gleich im Gegenzug die Zwänge der Neuzeit hervorhob, der auch eine traditionsbewusste Zunft wie die Narrozunft Villingen sich nicht entziehen kann. „Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert“, so die Feststellung, die sich durch das ganze Symposium zog.

Wahre Publikumsrenner waren die beiden Abendveranstaltungen mit jeweils über 350 Besuchern im proppenvollen Haus des Gastes. Den Eröffnungsvortrag am Donnerstagabend hielt der in Freiburg lehrende Professor für Kulturanthropologie und Ethnologie, Werner Mezger. Für den Menschen sei die Maske „sein zweites Gesicht“ – und das schon weit früher als im Mittelalter. Masken zu tragen gehöre zum Menschen dazu. Etwa im Totenkult bei den ägyptischen Pharaonen, deren Gesichter so bis heute erhalten sind. In der Antike kamen Theatermasken auf, im späten christlichen Mittelalter traten Masken am Vorabend der Fastenzeit in Erscheinung.

So richtig in Fahrt kam das Symposium mit der Eröffnung der Arbeitssitzung am Freitagmorgen. Jürgen Stoll aus Karlsruhe beleuchtete die Historie der Thüringer Papplarven-Manufakturen und deren Einfluss insbesondere auch auf die Basler Fastnachtslarven-Tradition. Der in Basel beheimatete Ethnologe und Historiker Dominik Wunderlin ging auf die Weiterentwicklung dieser Tradition ein, die nicht zuletzt auch mit ausschlaggebend war für die Anerkennung der Basler Fastnacht als immaterielles Kulturerbe der Menschheit durch die UNESCO. „Es gibt auch Maskenbräuche im Elsaß“, konnte Gerard Leser aus Colmar nachweisen und berichtete von verschiedenen Anlässen, bei denen Masken im Elsass getragen werden: Von der „Fasenachtszeit“ über die „Mittelfastzeit, die vier Wochen vor der Fastnacht stattfindet, bis zur Advents- und Weihnachtszeit. Professor Thomas Nussbaumer aus Elzachs Partnerstadt Telfs in Österreich beleuchtete die komplizierten Spielregeln der Tiroler Fastnachtsbräuche. Ganz in der Neuzeit angekommen war man mit Andreas Reutter aus Weingarten, der dem interessierten Publikum das virtuelle Maskenmuseum der Alemannischen Larvenfreunde im Internet vorstellte.

„Isch des noch ä Schuttiglarve?“ Generationen von Narrenräten der Elzacher Narrenzunft haben sich mit dieser Frage seit jeher herum geschlagen. Und tun es noch heute, wie Armin Becherer, Zunftmeister der Narrenzunft Elzach, in seinem einstündigen Referat am Freitagabend vor einem gespannt lauschenden Auditorium erläuterte. Nach welchen Regeln und Überlieferungen sie das tun, welche Kriterien für eine Schuttiglarve gelten – das alles war spannend zu hören. Deutlich wurde aber auch, dass die Fasnet unserer Prägung immer in einem Zwiespalt steckt zwischen dem Alt-Hergebrachten und den Entwicklungen und Erfordernissen der Ist- Zeit. Vertieft wurde diese Problematik in der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben Armin Becherer auch zwei Vertreter der Elzacher Maskenschnitzer teilnahmen – der 80jährige Alt-Meister Konrad Wernet und der erst 28jährige Nachwuchs-Schnitzer und Autodidakt Philipp Scherrmann. Komplettiert wurde die Runde von Clemens Fuchs, Vorsitzender der Alemannischen Larvenfreunde und Professor Werner Mezger.

Vom rückständigen Aberglauben zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit – die Entwicklung des Schemenlaufens in Imst in Tirol beleuchtete Manfred Waltner, das nur alle vier Jahre stattfindet und auch heute noch eine reine Männerfastnacht mit rund 1.000 Teilnehmern und um die 20.000 Zuschauern ist. Eine Eigenheit ist ihre „Buaba-Fäsnacht“ – als ein Pendant zur Elzacher Kinderfasnet. Ihre Popularität und Verwurzelung in der Bevölkerung sei ungebrochen, denn „noch nie war die Imster Fastnacht was Statisches“, so Waltern. „Stets hat sich das Alte mit dem Neuen vermischt“. Andreas Winet aus Reichenburg in der Schweiz ging auf die Prägung des Maskenwesens in der Innerschweiz durch die „Commedia dell’arte“ in Venedig und Neapel ein, die nicht zuletzt durch die Handelsverbindungen dieser Region gefördert wurde. Der Volkskundler Martin Blümcke aus Tübingen berichtete von einem Forschungsvorhaben, das vor 35 Jahren den Zustand und die Entwicklungen der Maskenschnitzkunst im Südwesten ein zum Thema hatte.

Sehr kontrovers wurde es mit Wolf Wager. „Narri, Narro, Ade?“ fragte er in seinem bewusst provokant angelegten Vortrag, der sich mit der Entwicklung der Fastnacht in der Neuzeit beschäftigt. „Wir haben die letzten Tage viel über Formen gesprochen, aber wenig über Emotionen“. Doch gerade die seien prägend für jede Form der Fastnacht. „Fastnacht ist ein Teil der Gegenbewegung zur Globalisierung dieser Welt“, stellte Wager fest. Er beklagte er auch „die Banalisierung der Fastnacht“ – weg vom Traditionellen, hin zur Event-Kultur. Hart ins Gericht ging er mit den Funktionären der Fastnacht in all ihren Verbänden.  „Narrentreffen sind das Krebsgeschwür der Fastnacht!“, behauptete er. „Es gibt immer mehr Hästrager, aber immer weniger Narren. Die Narren haben das Narren verlernt“. Tradition bedeute das Vermitteln von Werten“ – darauf müsse man sich wieder besinnen, so seine Forderung.

Eine These, die auch der Publizist Günter Schenk, Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht, unterstützte. In seinem sehr nachdenklichen Vortrag ging auch er auf die verschiedenen Entwicklungen der Maskenkultur und des Maskierens ein. „Wichtig ist, dass der Maskenträger begreift, warum er sich überhaupt maskiert“, so Schenk.

Es war eine Veranstaltung, die Ihresgleichen sucht, zog Clemens Fuchs, Vorsitzender der Alemannischen Larvenfreunde ein rundum zufriedenes Fazit. Das Symposium habe „wertvolle Impulse“ für die Zukunft gegeben. Nun sei es an den Teilnehmern, die diskutierten Themen in die Verbände und ihre Vereinigungen zu tragen. Mit lang anhaltendem Applaus und vielen Worten des Dankes wurde die Leistung der beiden Initiatoren und Moderatoren dieses Symposiums, Wolfgang Koch und Philipp Hässler gewürdigt. Diese Veranstaltung dürfe keine Eintagsfliege bleiben, war man sich einig, auch wenn der organisatorische Aufwand enorm war. „Was Ihr Beide auf die Beine gestellt und bewegt habt, ist unglaublich“, dankte der Schirmherr Bürgermeister Roland Tibi, der in diesem Dank auch die vielen Helfer aus dem Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis (HGA) und seinem Umfeld mit einbezog und warb ebenfalls für eine Fortsetzung: „Themen, die es zu diskutieren gibt, gibt es noch genug“, so Wolfgang Koch.