Kita-Öffnung: Mehr Wertschätzung für die ErzieherInnen

Auch ErzieherInnen sind Helden der Krise: WZO-Interview mit dem Kindergarten-Leitungsteam von „St. Josef“ in Kollnau

Waldkirch-Kollnau (db) Der Ruf nach einer schnellen Wiedereröffnung von Krippen und Kitas im Regelbetrieb wird immer lauter. Die Wertschätzung für die unverzichtbare Arbeit der ErzieherInnen ist in der öffentlichen Diskussion allerdings überschaubar. Verständlich, wenn Eltern oder Alleinerziehende Job, Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen. Fehlendes Personal (Risikogruppe) in Corona-Zeiten und ein begrenztes Platzangebot durch die Verordnung erschweren die Arbeit der ErzieherInnen. Lapidar wird festgestellt, dass es schwierig bis unmöglich sei, Abstandsgebote in Kitas einzuhalten. WZO-Redakteur Detlef Berger interviewte dazu das Leitungsteam vom Kindergarten „St. Josef“ in Kollnau (Gabriele Dilger, Sabine Schätzle und Sabrina Ganz).

WZO: Manche denken, die ErzieherInnen hatten es während der Corona-Pause leicht und locker. So war es aber ganz bestimmt nicht. Was haben Sie während dieser Zwangsschließung (Notbetreuung) gemacht und welche Aufgaben gab es innerhalb der Einrichtung zu erledigen? Fehlende Räume und zu wenig Personal sind sicherlich ein großes Problem? Dazu gehören viele ErzieherInnen zu den Risikogruppen und können nicht eingesetzt werden. Eine Betreuung der Kinder mit Mund- und Nasenschutz ist nicht wirklich möglich, oder?

Team St. Josef: Zunächst musste man erst einmal realisieren, was diese für uns alle neue und besondere Situation bedeutet. Viele Kolleginnen waren im Home-Office und durften aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht in die Einrichtung kommen. Die anderen Kolleginnen und Kollegen mussten ihre Arbeitszeit in Präsenzzeit und Home-Office Zeit einteilen, damit in der Einrichtung zeitgleich immer nur wenige Fachkräfte in ihren Gruppenräumen arbeiten und die Abstandsvorgaben eingehalten werden können. Anfangs hat man auch immer damit gerechnet, dass der Spuk nach den Osterferien vorbei ist und die Normalität wieder einkehrt. Das machte die Planung nicht einfach. Wir im Leitungsteam waren stark mit organisatorischen Dingen beschäftigt, immer wieder gab es online Leitungskonferenzen der kath. Kindertageseinrichtungen, bei denen die aktuelle Lage besprochen wurde. Außerdem musste das Team sinnvoll mit Arbeit vor Ort und im Homeoffice versorgt werden, welche vorbereitet und auch nachbereitet werden mussten.

Die Kolleginnen im Home-Office waren hauptsächlich mit konzeptionellen Arbeiten betraut. So entstanden einige Konzepte und Handreichungen zu unterschiedlichen Themen. Wir sind Sprach-Kita, auch da gab es viele Aufgaben, die bearbeitet werden mussten. Unsere Sprachexpertin entwickelte E-Learning Einheiten zum Thema Haltung, sprachsensibles Handeln und zur Sprachentwicklung. In der Kita wurden Aufräum- und Renovierungsarbeiten und eine Grundreinigung des Spielmaterials durchgeführt. Zudem haben unsere Mitarbeitende im Freiwilligen Sozialen Jahr beispielsweise die Räume neu gestrichen. Die Raumkonzepte der Gruppen wurden in den Blick genommen, gegebenenfalls überarbeitet und an die aktuellen Interessen und Bedürfnissen der Kinder angepasst.

Die Bibliothek wurde neu strukturiert und Fachliteratur wurde, vor allem im Homeoffice, gelesen. Wir haben diese Zeit bestmöglich genutzt jedoch schnell bemerkt, dass es ungewohnt still ist. Uns fehlte vor allem das Kinderlachen, die Lebensfreude und der Kontakt mit den Familien. Daher war es für uns, in den kath. Kindertageseinrichtungen, besonders wichtig, dass wir den Kontakt zu den Kindern und den Familien halten können. Deshalb wurde täglich per App oder E-Mail eine Tagespost verschickt, die den Kindern und Familien Anregungen für die Tagesgestaltung gab. Es wurden Bilderbuch-Kinos, Singkreise mit den bekannten Liedern und Vieles mehr aufgenommen und den Familien zugänglich gemacht. Telefonisch und über den Zaun hinweg wurden Kontakte gepflegt. Darüber hinaus wurden den Familien Spiele und Bilderbücher zur Verfügung gestellt. Für die Eltern gab es ein "Erzähltelefon", wo zwischen 19 Uhr und 20 Uhr eine Fachkraft aus den Kindergärten Zeit zum Zuhören hatte. Außerdem mussten die Stufen der Öffnung immer wieder geplant und ein entsprechendes Hygienekonzept entwickelt werden.

Die unterschiedlichen Phasen der Öffnung erfordern ein hohes Maß an Flexibilität von allen Mitarbeitern, da die Vorgaben vom Land meist sehr kurzfristig umgesetzt werden müssen. Zunächst hatten wir eine Notgruppe mit Kindern, wo beide Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiteten, kurz darauf drei Notgruppen, beide Elternteile arbeiteten außer Haus. Eine große Herausforderung war der Übergang in die eingeschränkte Regelbetreuung. Im Moment haben wir eine Notgruppe und sechs Gruppen, die maximal 50 Prozent der Gruppenstärke aufnehmen dürfen. Deshalb wird die Hälfte der Kinder montags und dienstags und die andere Hälfte donnerstags und freitags betreut. Die Notgruppe ist die ganze Woche da hat aber zwei Naturtage, damit im Kindergarten nicht über 50% der Kinder anwesend sind. Die Gruppen werden von konstanten Fachkräften betreut. Das ist logistisch gar nicht einfach zu bewältigen, zumal bei uns fünf Fachkräfte aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten dürfen. Es gelingt im Moment nur, wenn niemand krank wird, sonst gerät das ganze Konstrukt ins Wanken.

Eine große Herausforderung sind die geschlossenen Gruppen. Unsere Kinder sind gewohnt sich frei im Haus und Garten zu bewegen. Die Gruppenräume haben verschieden Bildungsbereiche, wie z.B. Bauen und Konstruieren, Kreativbereich, Rollenspiel etc. Alle Kinder in einem Raum zu halten bedeutet für alle eine große Einschränkung und eine Herausforderung.

 

WZO: Die Aufgaben der ErzieherInnen haben sich die letzten Jahre stark verändert und die Anforderungen sind gestiegen. Wie sieht der Arbeitsalltag ganz konkret bei Ihnen im Kindergarten aus und wo gibt es etwaige Probleme und „Stolpersteine“?

Team St. Josef: In den letzten Jahren sind die Anforderung an die Kindertageseinrichtungen immer mehr gestiegen. Zum einen soll die Betreuung der Kinder gewährleistet sein, dafür wurden die Öffnungszeiten und die Betreuungsformen erweitert. Gruppen mit verlängerten Öffnungszeiten, eine Ganztagesgruppe und eine Krippengruppe wurden eingerichtet. Außerdem hat man erkannt, dass die frühkindliche Bildung eine große Bedeutung in der Bildungsbiographie der Kinder einnimmt. Bildungsangebote Sprachförderung, Kooperation mit der Schule gehören zur Tagesordnung. Jedes Kind soll individuell begleitet werden und die Lernumgebung soll so gestaltet sein, dass das Kind bestmögliche Entwicklungs- und Bildungschancen hat und auf seinen weiteren Lebensweg vorbereitet wird. Die jetzige Situation beinhaltet eine große Einschränkung für die Kleinen und Großen, so wirft uns diese Situation in alte, bereits abgelegte Strukturen zurück und bedeutet einen großen Rückschritt in der pädagogischen Arbeit.

 

WZO: Wie wird Corona die Arbeit in den Einrichtungen verändern (Stichwort: Hygienevorschriften). Wie lässt sich das in der Praxis künftig umsetzen?

Team St. Josef: Unser Hygienekonzept beinhaltet, dass die Kinder mit einer Begleitperson durch verschiedene Eingänge, die Einrichtung betreten dürfen, so dass Begegnungen im Flur soweit wie möglich vermieden werden können. Die Erwachsenen tragen Mundschutz und desinfizieren sich am Eingang die Hände. Die Kinder waschen sich die Hände bevor sie den Gruppenraum betreten. Jeder Gruppe steht ein eigener Waschraum zur Verfügung. Im Stuhlkreis werden die Hygieneregeln mit den Kindern besprochen und eingeübt. Jedes Kind bringt seine eigene Trinkflasche und Vesper mit. Beim warmen Mittagessen, das ebenfalls in den Gruppen stattfindet, werden die Kinder soweit es möglich ist, an verschiedene Tische verteilt. Die Reinigungskräfte und das pädagogische Personal achten darauf, dass die Gruppe und das Spielmaterial intensiv gereinigt und desinfiziert werden. Ebenfalls wird mehrmals täglich gelüftet. Der Garten ist abgeteilt, damit die Kinder möglichst häufig ins Freie können, sich aber auch im Garten nicht durchmischen. Dem pädagogischen Personal steht zum Schutz ein Visier zur Verfügung.

 

WZO: Wie geht es nach der Corona-Pause im Regelbetriebs nunmehr weiter?

Team St. Josef: Wir warten schon gespannt auf die nächsten Vorgaben. Wie wir es dann räumlich und vor allem personell umsetzen können, wird sich zeigen. Es ist für uns alle eine große Herausforderung, da wir natürlich auch den Bedarf und die Not unserer Familien sehen.

 

WZO: Eine gute Fee kommt zu Ihnen in den Kindergarten St. Josef: Welche drei (beruflichen) Wünsche haben Sie?

Team St. Josef: Erster Wunsch: Unsere Kinder fragen: Wann ist der Virus endlich weg? Sie sehnen sich wie wir auch nach der Rückkehr in die Normalität. Zweiter Wunsch: Höhere Wertschätzung des Erzieherberufs in der Gesellschaft. So stellt die Kindertageseinrichtung mittlerweile die erste Bildungs- und Betreuungsinstitution des Kindes dar und ist für die weitere Entwicklung von hoher Priorität. Dies erfordert von uns ein hohes Fachwissen und einen geschulten Blick aufs Kind. Dritter Wunsch: Kleinere Gruppen mit maximal 15 Kindern, um den Bedürfnissen der einzelnen Kinder noch gerechter werden zu können und dementsprechend mehr Zeit für das jeweilige Kind zu haben.