„Kein Einkaufserlebnis, aber wieder menschenwürdig“

Wende bei der Tafel Herbolzheim: Mitglieder sprechen sich einstimmig für Neubau aus – Finanzierung gesichert

Herbolzheim. 19.04 Uhr zeigte die Uhr im Aufenthaltsraum des Containers an, als am vergangenen Freitagabend in der Mitgliederversammlung der Tafel Herbolzheim e.V. die einstimmige Entscheidung zu Gunsten eines Neubaus des Tafelgebäudes fiel. Die Erleichterung war dem ersten Vorsitzenden Christoph Bilic anzusehen. Drei Jahre lang hatten die Verantwortlichen auf diesen Tag hingearbeitet. Im vergangenen Jahr hatte eine Finanzlücke das Vorhaben zurückgeworfen. Nun soll, auch dank der Unterstützung der umliegenden Gemeinden, ein neues funktionales Gebäude die Arbeit der Ehrenamtlichen erleichtern und den Kunden ein menschenwürdiges Einkaufen ermöglichen.


Auf den Tag genau vor 13 Jahren habe es den ersten Verkauf in diesen Räumlichkeiten gegeben, erinnert sich der zweite Vorsitzende Thomas Ruddies. Nun sei die Zeit reif für den Neubau, bringt Bürgermeister Thomas Gedemer ein. Eine umfassende, souveräne und lückenlose Präsentation des Bauvorhabens und den damit verbundenen Kosten ließen bei den anwesenden Mitgliedern kaum noch Fragen offen. „Es ist alles gut durchdacht“, hielt Schatzmeister Walter Baireuther fest. Der Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen für die Ehrenamtlichen und die Hoffnung auf diese Weise noch mehr Engagement unter der Bevölkerung zu generieren ist, was Bilic und sein Team antreibt. Dabei hält der Vorsitzende realistisch fest: „Es wird kein Einkaufserlebnis, aber auch unsere Kunden sollen vernünftig und menschenwürdig einkaufen können.“ Bisher können höchstens drei Personen gleichzeitig in das Containergebäude der achtziger Jahre, um ihren Einkauf zu tätigen. Beengende Verhältnisse, hohe Energiekosten und eine unvorteilhafte Logistik machen einen Neubau dringend notwendig. Bei schlechtem Wetter stehen die wartenden Kunden oft im Regen. Fehlende Dämmung macht die Bedingungen im zweigeschossigen Bau für die ehrenamtlichen Helfer vor allem bei extremen Temperaturen eigentlich nicht zumutbar. 


Praktisch und effektivDer Neubau soll auf dem bisherigen Parkplatz der Tafel Herbolzheim entstehen. Das Grundstück stellt die Stadt in Erbpacht zur Verfügung und übernimmt darüber hinaus die Bürgschaft für den Kredit. Das neue Zuhause der Tafel wird mit rund 290 Quadratmetern zwar kleiner als der Container, verfügt durch die ausgeklügelte Planung aber eine doppelt so große Fläche für die Warenaufbereitung und den Verkauf. Hinzu kommt ein Außenlager mit 20 Quadratmetern. Die Tiefkühlprodukte müssen nicht wie bisher in 17 Tiefkühltruhen lagern, sondern finden in zwei großen Kühlräumen Platz. Ein großes Zwischenlager sowie jeweils ein Lager für Trockenprodukte und eines für Schulsachen und Reinigungsmittel schaffen weiter Erleichterung und sorgen für mehr Struktur. Ein Sozialraum schafft die Verbindung zum Büro, welches auch über die Verkaufsfläche zugänglich ist.


Der Ladenbereich wird sich auf rund 70 Quadratmeter erstrecken und rund ein Drittel mehr an Staufläche bieten als bisher. Putz-, Hauswirtschafts- und Technikraum, Sanitäranlage und behindertengerechtes WC komplettieren die Planung. Die Tatsache, dass das Gebäude trotz knapp 300 Quadratmetern Fläche nur einen 16 Quadratmeter großen Flur beinhaltet, verdeutlicht die durchdachte Einteilung, die in Zusammenarbeit mit den Architekten Schaudt und Lamprecht entstanden ist. 
Das ebenerdige Gebäude ist barrierefrei. Zwei separate Eingänge sollen außerdem den Kundenverkehr und die Warenanlieferung trennen. Überdachungen im Außenbereich ermöglichen sowohl ein Ausladen als auch das Warten im Trockenen. „Wir wollen unsere Kunden nicht länger im Regen stehen lassen“, so Baireuther. Bisher ist eine Gasheizung vorgesehen, doch auch Alternativen wie Wärmerückgewinnung und eine Erdwärmepumpe werden derzeit analysiert. Darüber hinaus will man durch die Einzäunung des Neubaus Vandalismus eindämmen. 


860.000 Euro GesamtkostenDie Gesamtkosten belaufen sich auf knapp 860.000 Euro (inklusive fünf Prozent Risikosicherheit und Mehrwertsteuer). Da die Tafel selbst ist in der Lage ist, ein stolzes Eigenkapital von 140.000 Euro sowie Spenden in Höhe von rund 50.000 Euro einbringen zu können, ist schlussendlich ein Annuitätendarlehen von 700.000 Euro notwendig. Bei einer Laufzeit von 15 Jahren, einem Zins von 1,78 Prozent und einer Tilgung von 4,22 Prozent kommt ein monatlicher Aufwand von 3.500 Euro zustande. Die Volksbank Lahr gewährte der Tafel angenehme Konditionen. Zusagen aus umliegenden Gemeinden bringen außerdem 13.000 Euro im Jahr ein. Dennoch ist das Ziel klar: Die monatlichen Zahlungen müssen gut leistbar sein, so Baireuther und ist überzeugt, dass dies auch zu schaffen ist. „Wir glauben, dass wir für keine Generation eine Hypothek übriglassen.“


„Nur Sympathie reicht nicht“ Rusts Bürgermeister Kai-Achim Klare ist gemeinsam mit Thomas Gedemer Beisitzer im Vorstand der Tafel und lobt die kompetente Darstellungsweise. Das schaffe einen vertrauensvollen Eindruck. 
Dennoch: Sympathie reiche nicht aus, es brauche ein „finanzielles Commitment“, so Klare weiter. Hier kämen die Transparenz und die Seriosität des Konzeptes ins Spiel. Auch die Tatsache, dass Herbolzheim von Beginn an den kommunalen Hut aufhatte, sei sehr hilfreich gewesen, sagte Klare weiter und brachte es abschließend auf den Punkt: „Dieses ganze Paket macht absolut Sinn!“ Melanie Amann-Brandt