Humanitäre Hilfe weiter dringend benötigt

Freundeskreis der Colonia Tovar war 2020 sehr aktiv - Medizinische Verbrauchsgüter dringend gesucht

Wie bei vielen Vereinen musste auch beim Endinger Freundeskreis der Colonia Tovar die diesjährige Hauptversammlung entfallen. Passiert ist in den vergangenen Monaten jedoch einiges. Ines Heiny hat sich mit Antonie Morand und Bernd Meyer – natürlich Corona-konform – zusammengesetzt und nachgefragt. 

„Nicht erst seit Corona hat sich die Arbeit des Freundeskreises sehr verändert“, erklärt Bernd Meyer. Eigentlicher Vereinszweck seien ja die Pflege der Verbindungen nach Tovar und der kulturelle Austausch. Ebenfalls gehört die Unterstützung der jungen Tovarer dazu, die ihre Heimat verlassen haben uns sich wieder am Kaiserstuhl niedergelassen haben, dazu. Der Verein half ihnen, in Deutschland Fuß zu fassen. „Beide Aspekte sind durch die Krisensituation in Venezuela seit etwa drei Jahren immer mehr in den Hintergrund getreten“, so Meyer. Mit immer chaotischer werdenden Zuständen im ganzen Land seien gegenseitige Besuche kaum noch möglich. Viele junge Venezolaner würden weiterhin gerne nach Deutschland kommen. Doch die Hürden für eine Aufenthaltsgenehmigung würden immer höher. Und seit der großen Fluchtwelle aus dem Land sei die Ausreise durch die Regierung zusätzlich erschwert worden.

Über die furchtbaren humanitären Zustände in Venezuela hat der Kaiserstühler Wochenbericht schon oft berichtet. Die katastrophale wirtschaftliche Situation, für die Machthaber Maduro verantwortlich gemacht wird, und die daraus resultierende Notlage des Großteils der Bevölkerung führte zu Unruhen im Land. Bei den Wahlen im Januar 2019 wurde eigentlich die Opposition um Juan Guaidó an die Macht gewählt. Maduro erkennt das Ergebnis bekanntlich aber nicht an. Nahrungsmittelknappheit, Inflation, Bildungsausfall und vor allem eine praktisch nicht vorhandene Medizinische Versorgung - das Land leidet weiter.

So verschiebe sich der Fokus der Vereinsarbeit des Endinger Freundeskreises immer mehr auf die humanitäre Hilfe. „Schon seit einigen Jahren schicken wir Hilfspakete nach Tovar. Die Not steigt, so wurden es mit der Zeit immer mehr“, berichtet Antonie Morand. Hauptsächlicher Inhalt: Medikamente und medizinisches Verbrauchsmaterial, außerdem Babynahrung und -Ausstattung sowie Hygieneprodukte. Wir hierzulande könnten uns das nicht vorstellen, wie schlimm die Lage tatsächlich ist. Wenn wir Kopfschmerzen haben, nehmen wir eine Kopfschmerztablette. Die sind leider in Venezuela nicht verfügbar. Pflaster nehmen wir einfach im Supermarkt mit. Aber nicht mal die sind in Venezuela erhältlich. Und bei schlimmeren Krankheiten? „Es gibt zwar Ärzte, die eine Diagnose stellen können, aber ohne Medikamente können auch sie oft nichts ausrichten“, beschreibt sie.

Die verschreibungspflichtigen Medikamente werden von einem Arzt in Italien besorgt und von dort aus direkt verschickt. Babynahrung, Hygieneprodukte und medizinisches Verbrauchsmaterial wird in Endingen in Pakete gepackt. Alle Pakete gehen per Container von Spanien aus nach Caracas und von dort aus weiter mit der Spedition nach Tovar. Hier werden sie von einem Team entgegengenommen und gerecht verteilt. Auch ein Krankenhaus wird mit den Hilfsgütern unterstützt.  

Für die Arbeit des Freundeskreises in Deutschland ist Corona ein Problem. „Wir sind über das Jahr verteilt sehr aktiv, versuchen uns immer wieder zu präsentieren und so natürlich Spenden zu sammeln. Das war dieses Jahr nicht möglich. Alle Events im Städtli, bei denen wir das tun, wie zum Beispiel auch der Weihnachtsmarkt sind ausgefallen“, so Bernd Meyer. Das mache es dem Verein natürlich nicht leicht, das steigende Volumen an Hilfspaketen zu finanzieren. Aus fünf bis sechs Sendungen im Jahr sind mittlerweile monatliche Sendungen geworden. In 2020 wurden in 13 Sendungen wurden 109 Pakete (1.768 kg) nach Tovar geschickt. Der Freundeskreis hat so insgesamt für fast 20.000 Euro Waren versendet. „Vor allem das Porto schlägt ordentlich zu Buche“, so Antonie Morand, schlappe 14.600 Euro des Gesamtbetrags.

Wie wirkt sich Corona auf die Situation in Tovar aus? „Ganz ehrlich? Natürlich gibt es ein Infektionsgeschehen. Verlässliche Zahlen gibt es aber aus Venezuela keine“, meint Bernd Meyer. Und die Situation sei vorher schon verheerend gewesen. Da falle sogar eine Pandemie kaum ins Gewicht. „Natürlich sind bei unseren Lieferungen schon noch andere Produkte gefragt“, führt Antonie Morand aus. Zum Beispiel habe man zumindest das Team an der Ausgabestelle und die Klinikmitarbeiter mit Masken und Einmalhandschuhen versorgt. Auch Desinfektionsmittel und wesentlich mehr Seife werde verschickt. Auch die Ausgabe der Hilfsgüter wurde umorganisiert, die Tovarer holen die Produkte jetzt einzeln nacheinander ab, statt wie früher zu festen Ausgabezeiten gesammelt. Eher ein Problem sei die anhaltende Treibstoffknappheit in Venezuela. „Anfang des Jahres kamen einige Sendungen von und nicht im erwarteten Zeitraum an. Wir dachten schon, sie sind gestohlen worden“, so Antonie Morand. Dann kamen jedoch überraschend alle ausstehenden Pakete auf einmal in Tovar an. „Die Spedition hatte schlichtweg keinen Sprit, sie vom Hafen aus ins Landesinnere weiter zu transportieren. Alles war sicher verwahrt worden, nichts hat gefehlt!“

Wie kann man den Freundeskreis aktuell unterstützen? Zum einen geht das durch Geldspenden für die Hilfsgüter und Portokosten. Zum anderen sind auch Sachspenden willkommen. Gesucht werden rezeptfrei erhältliche medizinische Verbrauchsgüter wie Verbandsmaterial, Windeln für Erwachsene oder auch Stoma-Beutel, auch aus dem Nachlass von Verstorbenen, so lange das Material noch originalverpackt ist. Auch aussortierte Dinge aus Arztpraxen oder Kliniken werden gerne angenommen (z.B. Infusionsschläuche, kleinere medizintechnische Geräte). Nach Möglichkeit werden auch Kleiderspenden verschickt, jedoch nur wenn Kapazitäten frei sind. „Generell gilt bei Sachspenden: Wenn Sie sich nicht sicher sind, dann rufen Sie uns einfach kurz an oder schreiben eine Mail“, so Antonie Morand. Weitere Infos gibt es unter www.colonia-tovar.de.