Zum Schmunzeln und Nachdenken angeregt

Opulenter und prall gefüllter Festabend zu 1250 Jahre Bötzingen begeisterte

Bötzingen (dht). Ein grandioser Höhepunkt der Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr zum 1.250-jährigen Bestehens des Ortes war ohne Frage der opulente und prall gefüllte Jubiläums-Festabend in der Sporthalle. Zwei Abende hintereinander war er mit je 800 Zuschauern restlos ausverkauft.

Die Adam-Treiber-Halle war kaum wieder zu erkennen: Basketballkörbe, Turngeräte, Tore und Neonlicht waren einem bunten „Bötzinger Dorfplatz“ mit großen Motiven aus dem Ort gewichen. Die Schwarzenberger Herolde aus Waldkirch läuteten das Geschehen mit wehenden Fahnen und schmetternde Fanfarenmusik ein. Dann hieß es Vorhang auf: Etwa 200 Darsteller - größtenteils aus Bötzingen - präsentieren mit Texten, Musik und Gesang in ausgewählten Szenen die spannende Bötzinger Dorfgeschichte. Vier Profiposaunisten aus der Schweiz ergänzten das Treiben auf der Bühne musikalisch.

Theatermann Andreas Müller aus Staufen begeisterte mit seiner Inszenierung: Aus der Sicht des amerikanischen Soziologen Richard L. Warren und seiner Familie – er unternahm tatsächlich in den 60er Jahren soziologische Studien in „Rebhausen" - unternahmen die Zuschauer eine Zeitreise durch die Geschichte des Ortes. So wurde das Publikum zu Beginn Zeuge, wie 769 der Bauer Odilrath seine Weinberge in Bötzingen dem Kloster Lorsch vermachte. Die Stiftungsurkunde, besiegelt vom fülligen Abt Gundelach bezeugt die Geburtsstunde von „Bezzo“, und ist gleichzeitig auch der Nachweis dass in Bötzingen seit 1.250 Jahren Weinbau betrieben wird.

Durch das Mittelalter

Im Mittelalter trat auch in Bötzingen die Pest auf. Die Szene zeigte eindringlich die Not der damaligen Menschen. Schräge Geigenmusik ließ einem schon zu Beginn Schauer über den Rücken laufen. Es folgten Schwertkämpfe im Mittelalter zwischen dem Herrn der Seelenburg (Otto von der Seelenburg) und des Schlosses Kranzenau (Kotz gen. Schnewlin von Kranzenau). Ein kleines Machtgerangel lieferten sich Pfarrer Gmeiner und der Dorfvogt über den Ablauf der Prozession. Besonderen Applaus erhielt die Hochzeitsszene, bei dem der Vogt, dargestellt durch Bürgermeister Dieter Schneckenburger, das Paar live auf der Bühne traute. Thematisiert wurde die Vereinigung der beiden Ortsteile Bötzingen und Oberschaffhausen 1838. Recht heiter und schwungvoll war die Szene im Bad im Oberdorf im ehemaligen Rebstock, wo Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe am Frauenbadetag zunächst der Einlass verwehrt wurde. Goethe war bekanntlich öfter auf Zwischenstopp auf seinen Reisen zu seiner Geliebten im Elsaß in Bötzingen bei Geheimrat Enderlin zu Gast.

Die Gedanken sind frei

Höchst stürmisch verlief nach der Pause die Badische Revolution von 1848 auch in Bötzingen. Mutig begehren die Revolutionäre auf der Bühne auf. Gemeinsam sangen sie „Die Gedanken sind frei“ und ein Großteil des Saals stimmt ein. Denn wenn der Mut nicht ausreicht, dann sind eben die Gedanken doch noch - für jedermann - frei. Szenen der Auswanderung der Armen aus Bötzingen nach Nordamerika oder Algerien zeigten eindringlich die Not der Bevölkerung. Eine Familie musste aus der Not heraus ihren Sohn als billige Arbeitskraft versteigern. 225 Personen in 27 Familien verließen damals das Dorf.

In Bötzingen geht es voran

Die folgenden Szenen zeigten das geschickte Agieren des Nachkriegsbürgermeisters Zimmerlin, der durch die Vergabe von kostenlosem Industriegelände den Investor Ries aus der Schweiz ins Dorf lockte: Die Badischen Plastikwerke siedelten sich an. Die damalige Frage war „Industrialisierung der Reben, versus richtiger Industrialisierung“. Auch die deutsche Firma Emilys Miederwaren kam nach Bötzingen und prompt ging es aufwärts im Dorf. Es kamen die „wilden Sechziger, in Bötzingen etablierte sich im „Haus der Liebe“ eine Kommune, die es bunt trieb. Die Nachbarn beobachten mit Vorbehalt das lockere Leben der jungen Leute. Zum Abschluss tanzten alle Darsteller auf der Bühne.

Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen für den grandiosen Festspielabend. Die mühevolle Kleinarbeit für die Inszenierung hat sich wahrlich gelohnt. „Zweimal haben wir eine übervolle Sporthalle zum Staunen, Freuen, Schmunzeln, Nachdenken und Weinen gebracht. Das bleibt für immer“, resümierte Andreas Müller.