„Die Zeit läuft und die Leute sterben!“

Nach der Aufbruchsstimmung im Mai herrscht Ernüchterung in Tovar - Gastfamilien für Au-Pairs gesucht

Rund drei Monate ist es her, seit der Beauftragte des selbsternannten venezolanischen Interimspräsidenten Juan Guaidó, Otto Gebauer, die Stadt besucht hat. Im Bürgerhaus sprach er von im Hintergrund angelaufenen Plänen und sorgte für Aufbruchsstimmung bei den in der Region lebenden Venezolanern. Bereits ein paar Tage später gingen die Menschen in Venezuela zu Tausenden auf die Straßen. Gebauers Prognosen schienen wahr zu werden. Inzwischen ist es jedoch sehr still geworden. Man hört in Deutschland kaum noch, was sich in Venezuela zuträgt. Herrscht tatsächlich Stillstand, oder dringen keine Nachrichten zu uns durch? Ines Heiny hat bei den Endinger Tovarern nachgefragt. 
Zusammen mit Bernd Meyer und Antonie Morand vom Freundeskreis begrüßen mich Hanss Schmuk und seine Partnerin Lucia Schmuck. Die beiden leben und arbeiten schon seit längerem in Endingen. Mit dabei sind auch ihre Gäste aus der Heimat: Lucias Mutter Oraida Bergmann, Hanss‘ Mutter Juana Kanzler und die Freundin von Hanss‘ Bruder, Valentina Rivero. Mit einem Touristenvisum sind sie für drei Monate in Deutschland und können sich hier zumindest ein wenig von den Strapazen erholen. 

„Was passiert aktuell in Venezuela?“, will ich von ihnen wissen. Die Antwort kommt mit einem Schulterzucken: „Wir hören auch nichts“, sagt Valentina. In Venezuela gibt es nur noch Staatsfernsehen und -radio. Dort werde nur das ausgestrahlt, was die Maduro-Regierung freigebe. Und dass Interne und die sozialen Medien seien Großteils blockiert. „Wir hier in Deutschland hören wahrscheinlich mehr als die Venezolaner selbst“, ergänzt Lucia. Anfangs, nach den Protesten im Mai, sei die Aufbruchsstimmung groß gewesen. Nun ziehe sich alles wie Kaugummi und nichts gehe mehr voran. „Guaidó sucht nach einer diplomatischen Lösung, aber das dauert viel zu lange“, meint Hans. „Die Zeit läuft und die Leute sterben!“
Dass das keine Übertreibung ist, unterstreicht Juana mit einer Geschichte, die erst kurz vor ihrer Abreise passiert ist. „Einer unserer Bekannten hatte einen Herzinfarkt.“ Es fahren aber keine Krankenwagen mehr. So musste der Mann mit dem Privat-Pkw von Tovar nach Maracay gebracht werden. Das sind über 75 Kilometer, für die man auf den teils holprigen Straßen mindestens 1,5 Stunden braucht. „Als sie dann endlich da waren, gab es im Krankenhaus keine Medikamente mehr. Er konnte also nicht behandelt und auch nicht operiert werden, denn für eine Narkose braucht man ja auch Medikamente“, so Juana. Seine Frau habe daraufhin alle Apotheken im Umkreis abgeklappert und mit Freunden Aufrufe in sozialen Medien gestartet. „Genützt hat es alles nichts. Jetzt ist er tot – mit 45 Jahren“, schüttelt sie den Kopf. Ein weiteres Beispiel sei der Fall eines an Diabetes erkrankten Bekannten. Als er verstarb wurde sein übriges Insulin an eine andere Familie weitergegeben. Zu spät, denn der Empfänger verstarb tragischer weise trotzdem. „Das sind aber nur zwei Beispiele. Von solchen Fällen kann jede Familie in Venezuela erzählen“, sagt Oraida wütend. Aus beiden Fällen wird jedoch deutlich: Trotz der großen Not ist die Hilfsbereitschaft untereinander groß. „Wer etwas entbehren kann, gibt es weiter“, betont Juana. 
Bekannterweise setzt der Förderverein „Freundeskreis der Colonia Tovar“ schon seit einiger Zeit mit Hilfslieferungen bei diesem Thema an. Hier in Deutschland werden Medikamente gesammelt, und nach Tovar geschickt. Mittel, die der Verein wegen des Betäubungsmittelgesetzes nicht in Deutschland besorgen kann, werden über einen Arzt in Italien organisiert. Er schreibt Rezepte, und die Lieferungen gehen von dort aus nach Tovar, wo sie dann über die katholische Kirchengemeinde verteilt werden. Auch Hygieneartikel, Vitamine und Säuglingsnahrung werden geschickt, um die Freunde in der Colonia zu unterstützen. 
Am schlimmsten trifft es oft die Jüngsten. Viele Kinder erkranken aufgrund der schlechten Lebensumstände. Doch wie bei den Erwachsenen sind auch für sie keine Medikamente da. „In Caracas gibt es ein Kinderkrankenhaus, in das Kinder aus dem ganzen Land kommen. Jede Woche sterben dort wegen der schlechten Versorgungslage 20 bis 30 Kinder“, so Juana. Kürzlich gab es einen Stromausfall, von dem auch in Deutschland in den Nachrichten zu hören war. Gerade die Säuglingsstation ist auf Strom jedoch dringend angewiesen. „Der Stromausfall kostete viele Neugeborene das Leben.“  
Ist die Versorgung nur in medizinischer Hinsicht so schlecht, will ich wissen? Denn man hört doch von Hilfslieferungen aus dem Ausland, die nun ins Land kommen sollen. „Das ist kompliziert“, so Valentina. Früher habe es in den Läden kaum etwas zu essen zu kaufen gegeben und man musste lange Schlange stehen. Das habe sich zwar geändert, heute gebe es in den Läden genug zu kaufen. „Aber es ist so teuer, dass man es sich unter dem Strich nicht leisten kann.“ Der Mindestlohn in Venezuela beträgt 60.000 Bolivar, 1 Dollar entspricht fast 10.000 Bolivar. „Wenn man dann sieht, dass ein Glas Nutella 30 Dollar kostet, dann kann man sich vorstellen, dass man auch als arbeitender Mensch kaum eine Familie ernähren kann“, betont sie. Das Gefühl der Hilflosigkeit sei sehr schlimm. 
Kaum verwunderlich ist es da, dass die Kriminalitätsrate immer noch weiter gestiegen ist. „Man kann quasi sein Auto nicht mehr über Nacht auf der Straße parken. Am nächsten Morgen ist es entweder weg, oder man hat keine Reifen oder Batterie mehr“, beschreibt Hanss bildlich die prekäre Lage. „Raubüberfälle sind an der Tagesordnung“, ergänzt Oraida. „Hans‘ Schwester wurde mehrfach auf dem Weg zur Uni überfallen und hat jetzt deswegen aufgehört“, fügt Juana hinzu. Auch für Valentina, die Elektrotechnik studiert, ist der Weg zur Uni oft schier unmöglich. „Es fahren so gut wie keine Busse und die Wege sind weit“, berichtet sie. „Und wenn man dann tatsächlich mal pünktlich ankommt, dann fehlen entweder die Lehrmittel, oder niemand, der den Unterricht halten könnte.“ Auf eine private Universität zu wechseln, wo die Ausstattung und die Lehrkräfte vorhanden wären, ist keine Option. „Bei Studiengebühren von 4.000 Dollar pro Trimester? Wer bitte kann das schon bezahlen?“, winkt sie ab. 
Neben allen anderen Problemen ist die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen sicherlich etwas, das dem Land auch für die kommenden Jahrzehnte nachhängen wird. Denn selbst wenn irgendwann Ruhe einkehrt im Land dann haben Hunderttausende Menschen keine oder nur eine sehr lückenhafte Ausbildung oder Berufsbildung. „Dieser Umstand lässt sich nicht so leicht aufholen“, ist sich auch Antonie Morand sicher. Auch hier setzt der Verein an und möchte unterstützen: „Wir suchen Familien, die ein Au-Pair aus Venezuela bei sich aufnehmen möchten.“ Vom Freundeskreis werden junge Tovarer vermittelt, die schon Deutschkenntnisse haben. Wünschenswert wäre, dass sie in ihrer Zeit in Deutschland die Gelegenheit und auch ausreichend Zeit von den Gastfamilien bekommen, diese Kenntnisse auszubauen. „Wir hoffen den jungen Menschen so später bessere Chancen auf einen Job zu geben. Eine echte Perspektive, nicht nur etwas Zeit weg von Zuhause.“
Wer Interesse daran hat, ein Au-pair bei sich aufzunehmen, kann sich bei Bernd Meyer vom  Freundeskreis unter berndmeyerendingen@t-online.de melden. Er gibt auch weitere Auskünfte, wie man den Verein bei seinen humanitären Hilfslieferungen mit Geldspenden unterstützen kann.