Gedenkstunde für Denzlinger Nazi-Opfer

Nachrufe in der Kirche St. Michael – Arbeitskreis „NS-Zeit in Denzlingen“ lud ein

Denzlingen (hg). Nach der Verlegung der „Stolpersteine“ im vergangenen Jahr für die Denzlinger Opfer des Nationalsozialismus lud der Arbeitskreis „NS-Zeit in Denzlingen“ letzten Donnerstag abends in die Kirche St. Michael („Storchenturm“), zu einer Gedenkstunde ein. Im Gespräch mit Angehörigen der Opfer konnte man nach der Gedenkstunde einige Gedanken vertiefen, ehe man die drei Gedenksteine für die Opfer besuchte.


Ebenfalls in der ehemaligen Michaelskirche im Denzlinger Unterdorf sprach vor einem Jahr im Juli der nicht nur in Deutschland bekannte Künstler Gunter Demnig am Vorabend der Verlegung von drei „Stolpersteinen“ in Denzlingen. Anhand zahlreicher Bilder schilderte er damals sein künstlerisches Lebenswerk und die Motive für die bis damals rund 70.000 Steinverlegungen in 23 Ländern. Seither ist auch Denzlingen auf seiner Homepage als Ort mit „Stolpersteinen“ verzeichnet.


„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es im jüdischen Talmud. Dieses für das künstlerische Schaffen von Gunter Demnig wesentliche Zitat griff damals auch Bürgermeister Markus Hollemann in seinem Grußwort im Storchenturm auf. Auch diesmal ergriff der Bürgermeister das Wort und bedankte sich beim Arbeitskreis „NS-Zeit in Denzlingen“ für dessen vorbildliches Engagement. Mit dem namhaften Künstler wollen auch die Mitglieder des Arbeitskreises über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Grauen der Nazi-Herrschaft gegen das Verdrängen und das Vergessen ankämpfen, zumal heute, da es wieder politische Strömungen gibt, die Manches vergessen machen wollen.


Anna Bassinger - Jakob Bühler - Kazimierz Dworak
n Denzlingen wurden 2018 im Beisein einiger Nachkommen der Opfer drei „Stolpersteine“ verlegt. Es handelt sich um die Opfer Anna Bassinger in der Hauptstraße 233; Jakob Bühler in der Hauptstraße 53 und Kazimierz Dworak, der als polnischer Kriegsgefangener 1943 in Denzlingen erschossen wurde. Über ihn sowie über das Schicksal der beiden Denzlinger, die 1942 in der Gaskammer ermordet wurden, informieren entsprechende Texte, die man in Denzlingen an besagten Stellen mittels QR-Code  oder auch im Internet abrufen kann. Zu ihrem Gedenken sprach vergangene Woche nach den einführenden Worten Prof. Dieter Geuenichs zunächst ein Urenkel von Anna Bassinger, Carsten Bühler. Er würdigte auf überzeugende Weise das Andenken jener unerschütterlichen Frau, einer überzeugten „Zeugin Jehowas“, die dafür von den Nazis ermordet wurde. Hanspeter Wolfsperger, ein Nachfahre der Ermordeten, ergänzte nach seinen Recherchen und zitierte den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog mit den Worten: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ Auf Herzogs Anregung hin hat man einen Gedenktag für die Opfer der Naziherrschaft eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt.


Dietrich Elchlepp skizzierte das Schicksal von Jakob Bühler, der in einer Zeit der „überwachten Bewirtschaftung“ gegen Bestimmungen über den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten „verstoßen“ hat, als er um das wirtschaftliche Überleben seiner Familie kämpfte. Nach der Verbüßung einer Gefängnisstrafe in Freiburg wurde er direkt ins Konzentrationslager Dachau „verschubt“, wofür der Familie sogar noch die Transportkosten in Rechnung gestellt wurden. Sein Leben endete 1942 in der Gaskammer in Bernburg an der Saale.
„Brutale Unverhältnismäßigkeit“ Die willkürliche Einstufung von Menschen als „asozial“ und die brutale Unverhältnismäßigkeit bei der Strafzumessung sei ein „Kennzeichen des NS-Mörderstaates“, wie insbesondere dieser Fall zeige. Diesen Teil der deutschen Geschichte könne man „nicht weichspülen“. Sie müsse uns stetig mahnen, dass sich solches nie wiederholen dürfe, betonte Elchlepp.


Dieter Ohmberger erinnerte in bewegenden Worten an das Schicksal des polnischen Kazimierz Dworak, der in Denzlingen erschossen wurde und dessen Grab nach dem Krieg bis zum heutigen Tag an der Friedhofsmauer in Nähe des Kirchturms der Georgskirche gepflegt wird. Nachfahren des polnischen Opfers kamen bereits wiederholt zum Grab ihres Verwandten nach Denzlingen. Diakon Josef Suscheck segnete im Beisein einer polnisch-deutschen Trauergemeinde das Grab.


Von den vielen „Stolpersteinen“, die inzwischen in zahlreichen Ländern Europas verlegt wurden, findet man auch 120 in Offenburg und 425 in Freiburg, wie die Besucher der Gedenkstunde von Vertretern aus diesen Städten erfuhren. Dass auch Denzlingen zu den Städten und Gemeinden zählt, die sich gegen das Vergessen zur Wehr setzen, fand den besonderen Dank von Hanspeter Wolfsperger an die Adresse der Initiatoren und der Gemeinde Denzlingen.