50 Jahre Kaiserstühler Wochenbericht

1971-2021. Sonderveröffentlichung 19. November 2021

„Jeder Kaiserstühler soll sich im Wochenbericht wiederfinden“

WZO-Geschäftsführer Clemens Merkle sieht den Unterschied zu anderen Medien in der „Berichterstattung bis ins Kleinste“

Emmendingen. 2004 wurde der „Kaiserstühler“ in die Wochenzeitungen am Oberrhein (WZO) integriert. Genauso lange führt Clemens Merkle das Unternehmen als Geschäftsführer. Mit Redakteur Daniel Gorzalka spricht er über die Entwicklung des Wochenberichts, die Zukunft als Printmedium, die Corona-Zeit und seine Lieblingsorte am Kaiserstuhl.

Angenommen, Sie müssten einem Freund den Kaiserstuhl zeigen. Wo würden Sie mit ihm hin?

Der Kaiserstuhl hat so unglaublich viel zu bieten. Spontan fallen mir die herrlichen Weinbaugebiete und die vielen historischen Ortskerne ein. Ich erinnere mich noch an ein Verlagstreffen, das ich vor ein paar Jahren organisierte. Da stand ich vor einer ähnlichen Frage. Damals besuchten wir Burkheim, fuhren mit dem Traktor durch die Reben und machten während dessen eine Weinprobe. Später nahmen wir am Nachtwächterrundgang teil. Alle waren total begeistert.

 

Wie würden Sie die Menschen vom Kaiserstuhl beschreiben?

Mir fällt immer auf, wie stark sie sich mit ihrem jeweiligen Ort identifizieren. Tatsächlich bringt jeder Ort eine eigene Mentalität mit sich. Das merke ich nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Sitzungen von Gewerbevereinen, die ich oft besuche. Was alle Kaiserstühler in sich tragen, ist die Gastfreundlichkeit. Sie zeigen gerne, was sie haben. Und dass sie gerne das Leben genießen. Der Wein spielt eine große Rolle. Zum Ausdruck kommt das in den vielen Gastronomiebetrieben.
Seit 1971 erscheint am Freitag der Wochenbericht. Er ist am Kaiserstuhl kaum mehr wegzudenken. Wie interpretieren sie diese Rolle?

Wie gesagt, die Kaiserstühler identifizieren sich stark mit ihrer Heimat. Entsprechend interessieren sie sich stark dafür, was in ihrem direkten Umfeld passiert. Ob nun Gemeinderat, Verein oder Sport – unsere Redaktion hat sich diesen lokalen Themen verschrieben. Dabei beschränken wir uns nicht nur auf Großereignisse, sondern gehen bis ins Kleinste. Letztlich ist es das, was uns von anderen Medien unterscheidet. Unser Ziel ist es, dass sich jeder Kaiserstühler im Wochenbericht wiederfindet. Uns ist bewusst, dass viele Menschen keine Tageszeitung abonniert haben. Im Vergleich zu früher ist der Anteil gestiegen. Insofern tragen wir auch eine Verantwortung – zumal wir auch die Amtsblätter in die Haushalte bringen.

 

Finanziert wird der Wochenbericht durch Anzeigen und Beilagen.

Als Leser sollte man sich dessen bewusst sein. In gewisser Weise sind es ja die Kaiserstühler Unternehmen, Einrichtungen, Vereine und Privatpersonen, die den Wochenbericht in dieser Form ermöglichen. Sie nutzen ihn, um Anzeigen zu schalten und sich zu präsentieren. Gerade am Kaiserstuhl haben wir sehr viele Kunden, die schon seit Jahrzehnten dabei sind. Sie wissen, dass der Wochenbericht in alle Haushalte kommt und dort auch gerne gelesen wird. Man kann also von einem Erfolgsmodell sprechen.
2004 wurde der „Kaiserstühler“ in den WZO-Verlag eingegliedert. Warum wurde dieser Schritt vollzogen?

Von 1971 bis 2004 wurde die Zeitung im Stückle Verlag in Ettenheim herausgegeben. Dann wurde sie an den WZO-Verlag, der wiederum zu ‚BZ.medien‘ gehört, verkauft. Den Gesellschaftern war wichtig, das Gebiet um Freiburg herum flächendeckend mit eigenen kostenlosen Wochenblättern abzudecken. 2007 bezog der WZO-Verlag Nord mit seinen mittlerweile sechs Titeln, die den Landkreis und den Bereich Ettenheim abbilden, das neue Verlagshaus in Emmendingen. Dort konnten wir alles auf professionellere Beine stellen.

 

Was genau?

Intern wurde damals vieles verändert. Man muss sich vor Augen führen, dass die Zeitungen bei uns im Haus bis 2006 noch von Hand geklebt wurden. Herbert Birkle leitete die Redaktion des Kaiserstühlers quasi allein. In Emmendingen bekamen wir einerseits eine neue EDV. Alle sechs Zeitungen erhielten das einheitliche Berliner Format. Die Titelseiten wurden ebenfalls neu gestaltet. Anderseits strukturierten wir auch die sechs Redaktionen und Anzeigenabteilungen neu. Das brachte zeitungsübergreifende Synergien mit sich, die sich bis heute bewähren.

 

Welche Entwicklung nahm der Kaiserstühler?

Er war immer der Titel, der bei uns im Haus mit am meisten Umsatz brachte. Dies lag vor allem an den vielen Veranstaltungen, die über Sonderkollektive beworben wurden. In der Corona-Pandemie hat dies leider stark gelitten. Die Feste sind weggebrochen. Das merken wir nicht nur in den sinkenden Seitenzahlen, sondern auch im Umsatz. Mittlerweile sind wir um jeden Anlass, den wir bewerben können, dankbar. Wir hoffen sehr, dass die Vereine und Einrichtungen, die diese Feste organisieren, die Krise gut verkraften.

 

Wie geht es den kostenlosen Wochenzeitungen derzeit generell?

Bundesweit wurden 40 Prozent der in der Wochenmitte erscheinenden kostenlosen Zeitungen eingestellt. Diese Zahl ist beängstigend. Auch bei uns in der Region sind einige dieser Blätter verschwunden. Wir selbst mussten im Landkreis Lörrach das „Wochenblatt“, das zu WZO-Süd gehörte, einstellen. Bis vor ein paar Wochen hatten wir Kurzarbeit. Ich hoffe, dass wir trotz der aktuellen Entwicklungen künftig darauf verzichten können. Außerdem erhielten wir staatliche Hilfe. Von unseren Gesellschaftern haben wir volle Rückendeckung. Wir kämpfen jede Woche darum, dass wir unsere Zeitungen weiter herausgeben können.

 

Momentan tun sich noch weitere Herausforderungen auf.

Sie sprechen vom Papiermangel. Von den damit verbundenen Preissteigerungen sind derzeit alle Printprodukte betroffen. Bei uns sind die Kosten hierfür um 65 Prozent angewachsen. Hinzu kommt, dass auch Druckplatten teurer geworden sind. Der Grund: Auch bei Aluminium gibt es derzeit einen Engpass. Steigende Energiekosten wie beispielsweise die Spritkosten bei der Auslieferung verursachen ebenfalls beträchtliche Mehrausgaben. Im Januar und Juli wird zudem der Mindestlohn angehoben. Hierdurch wird die Zustellung um mindestens sechs Prozent teurer. Spannend wird, ob die neue Regierung den Mindestlohn sogar auf zwölf Euro anhebt.

 

Digitale Medien haben solche Probleme nicht. Ist der „Kaiserstühler“ als Printprodukt überhaupt zukunftsfähig?

Ja, davon bin ich überzeugt, denn anders als in Großstädten wird in ländlichen Regionen wie dem Kaiserstuhl noch sehr viel Wert auf Tradition gelegt. Und dazu gehört eben auch, dass freitags am Küchentisch oder auf der Couch die gedruckte Ausgabe des Wochenberichts liegt. Wir kommen in jeden Haushalt und liefern exklusive lokale Inhalte. Gleichzeitig bieten wir auch eine Alternative zum Nachrichtendschungel im Internet. Ohne den Wochenbericht würde den Kaiserstühlern etwas fehlen. Ich glaube also nach wie vor an dieses Modell.

 

Trotzdem gibt es den Kaiserstühler mittlerweile auch digital.

Mit unserer App, dem E-Paper und unserer Homepage bieten wir eine kostenlose Ergänzung. Die Anzahl der Klicks steigt in diesem Bereich. Das freut uns natürlich. Mit einem digitalen Gratis-Format können wir jedoch keine Umsätze generieren. Wenn, dann müssten wir ein kostenpflichtiges Abo einführen. Nur so könnten wir den zusätzlichen Aufwand bezahlen. Wir wollen nicht in Konkurrenz treten zum digitalen Angebot der Tageszeitung. Aber wir suchen nach alternativen Modellen.

 

Was bedeutet das 50-jährige Jubiläum?

Wenn eine Zeitung so lange am Markt ist, dann darf man auch ein bisschen stolz sein. Bedanken möchte ich mich sowohl bei den treuen Lesern als auch bei den Anzeigen- und Beilagenkunden. Mit der Jubiläumsausgabe wollen wir hinter die Kulissen blicken. Wir wollen die Geschichte erklären, die verantwortlichen Personen vorstellen und die ein oder andere Anekdote erzählen.

 

Was geben Sie den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg?

Ich wünsche allen, dass sie diese schwierige Zeit überstehen. Verlieren Sie nicht den Mut und den Optimismus! Bleiben Sie dem „Kaiserstühler“ auch weiterhin treu!