„In solch einer Stadt kann ich etwas bewegen“

Vier Jahre Rathauschef in Herbolzheim – Thomas Gedemer im WZO-Gespräch

Herbolzheim (heb). Am 5. Dezember 2017 fand die Amtseinführung und Vereidigung des neuen Bürgermeisters Thomas Gedemer statt. Vier Jahre später zieht der Rathauschef nun eine überaus positive Bilanz.


„Ich würde diesen Schritt wieder gehen. Es ist mein Traumjob, der großen Spaß macht, und dabei vergeht die Zeit wie im Flug.“ Für Gedemer war die Kandidatur zum Bürgermeister eine bewusste Entscheidung, er kam schließlich nicht direkt aus der Verwaltung. Warum seine Entscheidung auf Herbolzheim fiel, erklärt er damit, dass es bei 11.000 Einwohnern durchaus städtische Strukturen gebe und man dennoch ländlich leben könne mit toller Infrastruktur beim Einkaufen, medizinischer Versorgung, Bildung und Verkehr. In solch einer Stadt könne er „auch etwas bewegen“. Dabei sei der schönste Wochentag für ihn der Freitag, wenn der Wochenmarkt lockt, auf den er von seinem Bürofenster aus direkt schauen kann.


Dass er nach der Bürgermeisterwahl nicht allein auf weiter Flur gestanden habe im Rathaus, liege Gedemer zufolge an einer Verwaltungsspitze, die einen offenen Umgang pflege, und am Gemeinderat, bei denen alle an einem Strang ziehen würden. 272 Angestellte gebe es bei der Stadt und die „die Mitarbeiter sind der wahre und wichtigste Schatz“, so Gedemer. Dass es bei der letzten Kommunalwahl 89 Bewerber auf 22 Sitze gegeben habe, zeige, dass man gerne mitarbeiten und mitwirken möchte. Und mit kreativen Ideen wie etwa dem Ideenwettbewerb werde auch Nachhaltigkeit geschaffen: „Die Bürger identifizieren sich mit der Stadt, weil wir alle die Stadt sind.“ Und so gelingt es auch, ganz bürgernah mit Thomas Gedemer zu sprechen, zum beispüiel über seine Facebook-Sprechstunde (die nächste findet am 21. Dezember um 19.30 Uhr statt).

„Wir müssen groß denken“

Dass auch sein Tag leider nur 24 Stunden hat, bedauert Gedemer insgeheim, denn ihn beschäftigten oft unterschiedliche Themen in großer Vielzahl und ärgere sich dann, wenn ihm mangels fehlender Kapazitäten oder langsam arbeitender Behörden die Dinge viel zu lange liegen bleiben. „Wir müssen groß denken, denn klein wird es von alleine“, sei einer seiner Lieblingssätze, mit denen stets die Weiterentwicklung gelinge wie etwa beim Friedhof mit den Gräbern unter den Reben oder dem Sternenkinderfeld. Um strategischer denken zu können, seien gemeinsam mit dem Gemeinderat neue Stellen geschaffen worden wie im Bereich des Tourismus oder der Wirtschaftsförderung, der Öffentlichkeitsarbeit oder dem Klimaschutz und es gebe ein einheitliches Erscheinungsbild der Stadt mit Logo, Website und eigener Stadt-App.


Die Arbeit werde nicht leichter in Zeiten von Corona, aber hierbei bleibt Gedemer nicht stehen, denn schon hat er neue innovative Ideen und denkt über die Möglichkeit der Projektrealisierung nach, zum Beispiel über die Erneuerung des Kinderspielplatzes neben der Volksbank in der Maria-Sand-Straße durch Drittmittel („das sollte einen Versuch wert sein, um hier etwas zu stemmen“), oder über 600.000 Euro Fördermittel, die es für die Kita der Zukunft umzusetzen gilt.

„Orte der Begegnung schaffen“

Dass die täglichen Abläufe den Abläufen bei seinem letzten Arbeitgeber im Ordinariat ähneln und Parallelen aufweisen, heiße aber nicht, dass sich Gedemer nicht mit jedem Thema bis ins Kleinste auseinandersetzen möchte. Durch Lesen und Gespräche arbeite er sich ein und genau das sei für ihn spannend, wobei ihn vieles über Jahre beschäftigen würden, wie zum Beispiel die Themen Kläranlage, interkommunales Strukturgutachten zur Trinkwasserversorgung oder Kinderbetreuung. Sein Lieblingsthema ist es, „Orte zu schaffen, Orte der Begegnung“ wie auf den Friedhöfen, im ökumenischen Bibelgarten, beim Sommertreff in Broggingen, Backhäusle in Tutschfelden, im Stadtgarten oder dem Rathausvorplatz.

Die Aufenthaltsqualität müsse dabei stimmen und eine Stadt sollte stets in Bewegung mit Spielplätzen, Wanderwegkonzepten und Sportstätten sein. Wie ein roter Faden bilden sich die vielen kleinen Mosaiksteinchen, die fortlaufend realisiert werden, zu einem Gesamtgebilde Stadt Herbolzheim zusammen. Dabei liegen Gedemer die Ortsteile genauso am Herzen wie die Kernstadt. Dazu brauche es Geduld, „denn oft sind die Erwartungen hoch, dass sich schneller etwas bewegt, aber das geht nicht immer so“. Größere Themen, die gerade aufs Gleis gesetzt wurden, sind zum Beispiel das neue Rettungszentrum oder die Trinkwasserversorgung. Mit diesen Dingen habe schon Vorgänger Ernst Schilling angefangen.

„Mit den Kräften haushalten“

Die Arbeit mache Spaß, dennoch müsse man mit den Kräften haushalten: „Die Zeiten haben sich geändert, heute kommen kaum noch Faxe oder Briefe, sondern täglich schwappen 80 bis 130 E-Mails ins Postfach, und dann gibt es noch die sozialen Netzwerke – und alles sollte zügig beantwortet werden.“

Seit der letzten Wahl sitzt Gedemer auch im Kreistag, er ist im Sozialausschuss vom Städtetag Baden-Württemberg, im Umweltausschuss vom Deutschen Städtetag und Sprecher des Beirats der Biomusterregion („hier lohnt sich eine gute Vernetzung“). Und dann sind da noch die Trauungen, die er als wunderschöne Seite des Berufs ansieht, seine Besuche bei Familien mit Neugeborenen und so vieles mehr. Das rücke dann schon fast wieder Corona oder die Brandserie bei seinem Amtsantritt, die ganz Herbolzheim bewegte, in den Hintergrund.

„Wenn ich später mal nicht mehr als Bürgermeister arbeite, dann schreibe ich ein Buch“, sagt Bürgermeister Thomas Gedemer - der Titel: „Wenn ich Sie gerade sehe.“ Denn das sei einer der Sätze, die er am meisten im Alltag höre.