Wie die Winzerkapelle ihre Blasmusik inszeniert

Beim „Concerto Grandioso“ stellte das Ensemble aus Köndringen eindrucksvoll seine Ausnahmestellung unter Beweis

Teningen. In der Jahn-Halle gab die Winzerkapelle Köndringen am Samstag zum vierten Mal ihr „Concerto Grandioso“. In theaterreifem Ambiente setzte das 63-köpfige Orchester perfekte Sinfonische Blasmusik mit Tanzeinlagen und Sologesang in Szene. Die 1.100 Gäste waren hin und weg – und fragten sich, wie ein einfacher Musikverein so etwas überhaupt leisten kann.

Bei einer Winzerkapelle denkt man vielleicht als erstes an eine in Tracht gekleidete Bläsergruppe, die beim Dorffest oder in einer Gaststätte schmissige Marschmusik zum Besten gibt. Im Köndringer Fall ist das nur ein Teil der Wahrheit. Zwar tragen die rund 63 Mitglieder bei vielen ihrer Auftritte ihre traditionelle Uniform, in den letzten 20 Jahren hat sich das Ensemble des Vereins jedoch zu einem Sinfonischen Blasorchester entwickelt, das auf allerhöchstem Niveau agiert.
In schwarzer Galagarderobe lud die Winzerkapelle am Samstag zum vierten Mal zum „Concerto Grandioso“ ein. Die Jahn-Halle im Nachbarort Teningen hatte der Verein hierfür in einen edlen Konzertsaal verwandelt. Lichttechnik tauchte den Saal in Farben, mit Kameras wurden Live-Bilder auf die Bühne projiziert und Raummikros sorgten für einen kristallklaren Klang. 1.100 Gäste – rund 800 Tickets waren schon im Vorverkauf weggegangen – füllten sowohl den ebenerdigen Bereich als auch die Tribüne. Sie fühlten sich eher im Theater als in einer Mehrzweckhalle.
Dazu passte, dass sich die Musiker nicht auf, sondern vor der Bühne positioniert hatte – also wie in einem Orchestergraben. In drei Programmblöcken, die sich mit den zwei Pausen über vier Stunden zogen, spielten sie elf sinfonische Stücke, deren Hauptthemen man gut kennt. Die Auswahl kam beim Publikum bestens an. Den Auftakt markierte die „Leichte Kavallerie“ (Franz von Suppè). Perfekt und dynamisch zugleich trug das Ensemble John Williams‘ monumentale „Star Wars Trilogy“ mit seinen fünf komplexen Sätzen vor. Den Schlusspunkt setzte man mit „Mambo“ aus dem Musical „West Side Story“ (Leonard Bernstein).
Für das Konzert hatte sich die Winzerkapelle die Sopranistin Daniela Alzérreca und den Tenor Guillermo Valdés eingeladen. Bei „Sempre Libra“ und dem „Trinklied“ sowie bei „Ay Ay Ay!“ (Osmán Perez Freire), für das der Dirigentensohn Gabriel Mendieta das Arrangement geschrieben hatte, stand das Gesangsduo gemeinsam auf der Bühne. Das Zusammenspiel mit dem Orchester klappte hervorragend. Die Tontechniker von B&HP Weißhaar drehten die Regler so, dass Gesang und Blasmusik verschmolzen. Den Zuhörern fuhr es durch Mark und Bein.
Wie schon beim letzten Mal war auch dieses „Concerto Grandioso“ ein Fest für die Sinne. Neben den Ohren bekamen auch die Augen etwas geboten. Unter der Regie von Erika Correa-Mendieta trat der Elztäler Ballettverein Oberwinden dreimal auf der Bühne auf. Während die Winzerkapelle spielte, setzten die Kinder und Jugendlichen die Töne in Bewegung um. Nicht nur den Tanzboden, sondern auch die entsprechenden Kulissen hatten sie hierfür mitgebracht. Beim „Blumenwalzer“ (Tschaikovsky) tanzten sie mit Kränzen, bei „Aladin“ (Alan Menken) kamen Perlenblusen, Obsttabletts und Tücher zum Einsatz.
Eindrucksvollstes Stück des Abends blieb jedoch der „Bolero“ (Maurice Ravel). Von den ersten zaghaften Tönchen zu Beginn über das meditative Anschwellen bis zum rauschenden Finale nach 17 Minuten war die Winzerkapelle musikalisch eins mit diesem Werk. Dahinter tanzten sich die acht in rot und schwarz gekleideten Tänzerinnen und Tänzer der DanceEmotion Academy aus Freiburg in Ekstase. Tatsächlich, erklärte das Moderatorenduo Anika Roye und Rolf Stein, sei der Bolero als Stück für Musik und Tanz konzipiert gewesen. Mit offenen Mündern genossen die 1.100 Gäste dieses Feuerwerk.
Nun, für einen Akteur war es ein besonderer Abend. Die Rede ist von Alfredo Mendieta. Seit 20 Jahren ist er Dirigent der Winzerkapelle. Der aus Chile stammende Lockenkopf hat das Ensemble sukzessive zu einem Sinfonischen Blasorchester weiterentwickelt. Durch die intensive Nachwuchsarbeit ist das Orchester nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ immer weiter gewachsen. Kein Musikverein im näheren Umkreis spielt auf einem solchen Niveau. „Das ist in allererster Linie sein Verdienst“, ehrte ihn Werner Schillinger mit einer Urkunde und einem Fotobuch, „in dem noch Platz für zehn weiter Jahre“ sei.
Mendieta wurde außerdem vom Oberbadischen Blasmusikverband für insgesamt 25-jährige Dirigententätigkeit ausgezeichnet. „Er ist ein Tausendsassa“, lobte ihn Zsolt Sandor für seine vielen Dirigate in der Region und das Engagement im Verband als Juror. Für Mendieta selbst bleibt das Ensemble in Köndringen das wichtigste. Die beiden Söhne seien hier im Orchester, seine Ehefrau sei ebenfalls involviert. „Die Winzerkapelle ist für mich wie eine Verlängerung meiner Familie – sie zu dirigieren ist für mich keine Arbeit, sondern Freude“, sagte er.
Daniel Gorzalka