Auf den Anfang kommt es an

Gerda Weiser, Vorsitzende des Hebammenverbands Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald/Emmendingen, im Gespräch

Lange Jahre war Gerda Weiser im Bundesvorstand der Hebammen tätig. Seit 2014 ist sie wieder Vorsitzende des hiesigen Kreisverbandes. Im Interview mit WZO-Redakteur Daniel Gorzalka spricht sie über Hausbesuche, Elternzeit, Vaterrollen, Kaiserschnitte und das Internet.

Seit einigen Jahren steigen auch im Landkreis Emmendingen die Geburtenzahlen. Gibt es überhaupt genügend Hebammen?
Zahlenmäßig eigentlich ja, man muss sich nur früh genug um eine Hebammenbetreuung kümmern. Am besten begibt man sich gleich zu Beginn der Schwangerschaft auf die Suche. Das geht ganz bequem über die Webseite unseres Kreises (www.meinehebamme.de). Dort kann man nach Name, Postleitzahl oder gewünschter Leistung einer Hebamme suchen. Wird man in der individuellen Suche gar nicht fündig, besteht als Letztes auch die Möglichkeit, ein Kontaktformular auszufüllen. Schwierig kann es werden, wenn der Geburtstermin auf Feiertage, Ferienzeiten oder auf den Jahreswechsel fällt. Auch gibt es immer wieder werdende Mütter, die erst kurz vor dem Geburtstermin anfragen. Das ist dann oftmals wirklich zu spät. Oft wünscht man sich erneut ‚seine Hebamme‘ aus vorangegangenen Betreuungen oder die Hebammensuche passiert auf Empfehlung aus dem Freundes- und Familienkreis. Auch in diesen Fällen ist eine sehr rechtzeitige Kontaktaufnahme am erfolgversprechendsten.

Warum wird dann immer wieder von einem Hebammenmangel gesprochen?
Der Begriff wird missverständlich interpretiert. Wir haben in der Freiberuflichkeit zurzeit keinen Hebammenmangel an sich, sondern einen Hebammen-Leistungsmangel. In unserem Kreisgebiet arbeiten rund 350 Kolleginnen. Die meisten von ihnen sind freiberuflich tätig. Leider bieten die wenigsten von ihnen das komplette Spektrum der ganzheitlichen Betreuung von der Schwangerenvorsorge bis zur Betreuung bis zum Ende der Stillzeit in Vollzeit an. Viele Hebammen arbeiten in Teilzeit und bieten nur Teilbereiche an,wie beispielsweise nur die Hausgeburtshilfe, nur die Wochenbettbetreuung oder auch nur Kurse. Manche Hebammen wiederum arbeiten nur in einem bestimmten geografischen Gebiet. Und da unsere Berufsausübung in der Freiberuflichkeit eine sehr große zeitliche Flexibilität erfordert und die meisten unter uns Familie und Beruf vereinbaren müssen, ist somit nur eine Teilzeitbeschäftigung möglich. Hinzu kommt, dass die in den Krankenhäusern als angestellte Hebammen arbeitenden Kolleginnen ihre Freiberuflichkeit auch nur in Teilzeit ausüben können. Ernster sieht es bei der Besetzung freier Stellen in den Kreißsälen aus. Da muss nicht nur an der Vergütung, sondern auch an den Arbeitsbedingungen dringend nachgebessert werden.

Braucht es hierfür eine politische Lösung?
In der Freiberuflichkeit steht die Vergütung der meisten Leistungspositionen in keinem Verhältnis zu dem, was man leistet und angemessen wäre. Bei der aufsuchenden Wochenbettbetreuung nach der Geburt reicht der vergütete Aufwand zeitlich überhaupt nicht aus - besonders in den ersten Tagen oder bei Stillschwierigkeiten. Auch telefonische Beratungsleistungen erfordern oft einen hohen Aufwand, deren Vergütung dazu in keinem Verhältnis steht. Ebenso ist die Vergütung pro Teilnehmerin für Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse sehr niedrig und verbunden mit den Arbeitszeiten, also abends und an Wochenenden, unattraktiv. Des Verdienstes wegen wird man nicht Hebamme. Auf jeden Fall braucht es eine politische und gesellschaftliche Lösung sowohl in der Berufshaftpflichtproblematik wie auch betreffend der Arbeitsbedingungen und Entlastung der in den Kreißsälen arbeitenden Kolleginnen. Für beides setzt sich unser Berufsverband auf Bundesebene seit langen Jahren ein.

Warum haben Sie sich dann für diesen Beruf entschieden?
Weil mich mein vielseitiger und wunderschöner Beruf nach wie vor erfüllt und ich auch nach über 25 Jahren mit Herzblut dabei bin. Ich schätze das selbstständige, eigenverantwortliche Arbeiten und bin dankbar für die sinnvollen Arbeitsfacetten, die sich mir immer aufs Neue bieten. Bei der Menschwerdung kommt es so viel auf den Anfang an. Werdende und frischgebackene Mütter mit ihren Familien von Beginn an vertrauensvoll und ganzheitlich zu begleiten und betreuen, erfüllt mich immer wieder aufs Neue mit großer Freude. Es ist auch ein Privileg, eine Frau während ihrer gesamten Lebensphase des Mutter-Werdens zu begleiten. Zum anderen geht es mir auch darum, die werdenden Eltern neutral und wissenschaftlich fundiert so zu informieren, dass sie für sich die bestmöglichen Entscheidungen treffen können. Und auch, dass sie während der Geburt Ängste loslassen können, sich auf ihren eigenen Körper mit seinen Stärken fokussieren und die Geburt als etwas Positives erleben. Ergänzend zum fachlichen Teil des Berufes sind für mich seit Beginn an die berufspolitische Arbeit für unseren Berufsstand sowie mein damit verbundenes verbandspolitische Engagement für meine Kolleginnen ebenfalls sehr wichtig.

Einen wichtigen Tätigkeitsbereich bilden die Hausbesuche in den ersten Wochen nach der Geburt.
Ja, die aufsuchende Wochenbettbetreuung ist ein wichtiger Bestandteil unserer originären Hebammenarbeit. Dabei wird die Mutter mit ihrem Neugeborenen und ihrer Familie von der Hebamme professionell und umfassend betreut, beraten und medizinisch versorgt. Sie stellt für die Familie in der für diese so prägende Zeit nach der Geburt eines Kindes eine wichtige Hilfestellung und Gesundheitsvorsorge dar. Hebammenbetreuung und damit auch die aufsuchende Wochenbettbetreuung stehen jeder Frau zu. Seitens der Krankenkassen wird ein bestimmtes Kontingent an Wochenbettbetreuungen ermöglicht, die jede Frau bis zur zwölften Woche nach Geburt in Anspruch nehmen kann. Auch danach ist eine Betreuung bis zum Ende der Stillzeit möglich, verbunden zum Beispiel mit Hilfe zum Abstillen. In der ersten Zeit nach der Geburt besuche ich die Familien täglich. Bis zum Ende der Betreuungszeit werden die Abstände je nach Notwendigkeit dann größer. Während dieser aufsuchenden ganzheitlichen Betreuung gilt es, bei Mutter und Kind vieles im Auge zu behalten und zu beachten. Auch ist mir der Respekt vor deren Intimsphäre sehr wichtig. Inhalte der Besuche sind neben Wohlbefinden und Versorgung von Mutter und Kind natürlich das Gedeihen des Neugeborenen und seine Nabelpflege. Dabei nehmen die Stillberatung und Hilfe beim Anlegen bzw. die Neugeborenenernährung eine zentrale Stelle ein. Bei Bedarf gibt es auch Wiegeproben. Mit Freude erwartet wird immer auch das erste Baby-Bad zu Hause mit liebevoller Babymassage.
Die Betreuung der Mutter umfasst unter anderem die Überwachung der Blutung und der Vitalzeichen, sowie die Versorgung der Damm- oder Kaiserschnittnaht. Auch erste Anleitungen zur Rückbildungsgymnastik gehören dazu. Jede Frau mit ihrem Kind benötigt ihre individuelle Wochenbettbetreuung mit ihren ganz eigenen Herausforderungen. Viele Beratungsgespräche, auch zu vielen Fragen der Eltern, runden jeden Besuch ab. Das ist sehr wichtig.

Warum?
Gerade mit Geburt des ersten Kindes ist vieles sehr neu und es tauchen sehr viele Fragen auf. Warum weint mein Kind oder ist es unruhig? Bin ich daran schuld? Wird mein Kind satt? Wann muss ich es baden? Wie muss der Stuhl aussehen? Muss es aufstoßen? Was ziehe ich ihm an? Junge Menschen sind es gewohnt, sich bei einer Unklarheit schnell eine Information aus dem Internet zu holen. Oft ist jedoch das, was dort steht, nicht immer wissenschaftlich belegt, vielleicht nur ein Halbwissen oder gibt nur eine subjektive Einzelmeinung wieder. Den vielen Fragen von Eltern, wie auch alltäglichen Fragen werden Quellen wie das Internet mit seiner ungefilterten Informationsflut nicht unbedingt gerecht. In den Foren verarbeiten Eltern meistens aus ihrer Sicht ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen. Dadurch werden auch unnötig Ängste und Unsicherheit geschürt. Angst ist kein guter Begleiter – weder für die Geburt noch fürs Leben. Für uns Hebammen hat hinsichtlich dieser Einflüsse der Beratungs- und Gesprächsbedarf unserer Kundinnen zugenommen.

Welche Rolle spielen generell die Männer?
Als Hebamme erlebe ich meistens präsente und sich aktiv einbringende Väter. Bereits in der Schwangerschaft sowie danach im Wochenbett und in der ersten Zeit zuhause können sie eine wichtige Unterstützung und helfende Hand für ihre Partnerin sein. Auch zum Gelingen der Stillzeit spielen sie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wichtig finde ich es auch, dass einerseits Väter ab Geburt Zeit und Möglichkeit haben, eine intensive Bindung zu ihrem Neugeborenen aufzubauen. Andererseits benötigt auch die so neu entstandene Familie Zeit und die Rahmenbedingung, um zusammenzuwachsen und sich aneinander zu erfreuen. So erleben Babys gleich am Anfang ein gutes Miteinander mit beiden Elternteilen. Natürlich unter der Voraussetzung des liebe- und respektvollen Miteinanders der Eltern.

Was halten Sie von der Elternzeit?
Ich begrüße sie. Die zwei Monate können sehr bereichernd für die ganze Familie sein. Ich empfehle, wenn möglich, den ersten Teil der Zeit direkt nach der Geburt zu nehmen. Dann sind alle beim Start dabei. Eine große Entlastung sind Väter in dieser Zeit auch, wenn beispielsweise Geschwisterkinder da sind. Leider ist die Elternzeit für viele junge Familien mitfinanziellen Einbußen verbunden. Nicht alle Familien können sich das leisten. Da muss die Politik meines Erachtens noch nachbessern. Hinzu kommt, dass, obwohl es Vätern gesetzlich zusteht, das Nehmen von Elternzeit bei Chefs und Kollegen nicht in allen Betrieben immer gut ankommt. Wenn es nicht geht, dann empfehle ich gleich nach der Geburt wenigstens eine Woche Urlaub zu nehmen. Wie gesagt: auf den Anfang kommt es an.

Ein anderes Thema: die Zahl der Kaiserschnitte hat in den letzten Jahren weiter zugenommen.
Ja, das ist richtig. Auch wenn der Anstieg geringer ausfiel, als noch in den Jahren davor. Laut statistischem Bundesamt lag die Kaiserschnittrate 2017 bei 30,5% aller Geburten. Sie variiert sowohl je nach Bundesland als auch je nach Klinik. Die medizinisch notwendige Eingriffsrate jedoch liegt weit darunter. Ich glaube, dass in unserer Zeit das Sicherheitsbedürfnis eine große Rolle spielt. Manche Frauen wollen die Geburt ihres Kindes punktgenau planen. Hinzu kommt die Angst vor Schmerzen. Begünstigt wird dies mit dem Versprechen der entsprechenden Stellen auf eine schmerzfreie Geburt, die es einfach nicht gibt. Dazu kommt die Tatsache, dass Krankenhäusern der Kaiserschnitt doppelt so hoch vergütet wird wie eine natürliche Geburt.

Die große Unbekannte für Mütter, die zum ersten Mal ein Kind erwarten, bleiben die Schmerzen. Was sagen Sie Frauen vor einer Geburt?
Ich helfe ihnen zu verstehen, dass Schwangerschaft, Geburt und die Zeit, die darauffolgt, etwas Gesundes, Schönes und vor allem Kraft spendendes sind. Natürlich ist eine Geburt mit Schmerzen verbunden. Es sind jedoch positive Schmerzen, durch die die Gebärende innerlich wächst und gestärkt hervorgeht. Deshalb halte ich eine gute Vorbereitung auf die Geburt während der Schwangerschaft für unerlässlich: Schwangere und Paare gut zu informieren, Frauen nützliche, angstmindernde Hilfen an die Hand zu geben – beispielsweise Atem- und Entspannungstechniken –, sowie sie darin zu bestärken, ihrem Körper zu folgen, seinen Kräften zu vertrauen und diese für sich optimal einzusetzen. All‘ dies versuche ich auch in meinen Geburtsvorbereitungskursen zu vermitteln. Wunderschön und mit Stolz erfüllend ist dabei die Erfahrung und Erkenntnis, dass man dadurch seinem Kind das Leben geschenkt hat!