„Sehr gute Chancen für junge Leute!“

Kreishandwerksmeister Martin Schubnell über die aktuelle Ausbildungssituation, politische Zwänge und den „Tag des Handwerks“

Wie sich gesellschaftliche Entwicklungen konkret in der alltäglichen Praxis des Handwerks niederschlagen, erzählt Martin Schubnell, Elektromeister und Kreishandwerksmeister, im Interview.

Herr Schubnell, wie steht’s um den Nachwuchs im Handwerk?
Dass wir – quer über alle Handwerksbranchen – dringend mehr Auszubildende brauchen, ist ja seit Langem bekannt. Die Situation spitzt sich allerdings in jüngster Zeit noch mehr zu.

Wie macht sich das denn bemerkbar?
Wenn wir noch im letzten Jahr manchmal gesagt haben: Bewerbungen kommen quasi nur getröpfelt, so ist dieses Rinnsal mittlerweile in nicht wenigen Betrieben des Handwerks so gut wie zum Erliegen gekommen. Selbst bekannte Handwerksunternehmen mit gutem Netzwerk in überschaubaren Orten, wo man sich noch kennt und wo es auch eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda gibt, verzweifeln schier über dieses massive Problem.

Dessen Ursachen …
… seit Langem bekannt sind. Noch immer und noch immer viel zu viel wird in den Schulen – und auch unter Eltern – die Botschaft verbreitet: Macht erstmal den nächsthöheren Schulabschluss. Das bringt dann auch viele junge Leute auf die falsche Spur, die wir im Handwerk – als Kfz-Mechatroniker und Elektriker, als Friseur und Fliesenleger und in allen anderen Gewerken – gut brauchen könnten.
Die könnten hier frühzeitig ihr erstes gutes Geld verdienen und wirklich was Handfestes lernen; das ist dann ein Können, das ihnen niemand mehr nimmt und womit sie immer was anfangen können. Und Weiterbildung, höhere Schule bis hin zum Studium bleibt ihnen ja trotzdem offen. Und dazu Chancen über Chancen im vielfältigen Handwerk.

Werben Sie doch dafür!
Machen wir, machen wir auf allen Ebenen: Twitter, Facebook, Plakate, Zeitung, Aktionen auf Messen oder auf Weinfesten. Doch die Nachfrage ist mau, was sage ich - sie wird mittlerweile wirklich dramatisch.

Junge Leute wollen‘s halt auch auf der Arbeit modern und technikorientiert haben …
Sehen Sie, da haben auch Sie das völlig falsche Bild vom Handwerk vor Augen.  Schmutzig, zugig, eintönig – das ist längst nicht mehr unsere Arbeitsrealität. Schauen Sie hin, wohin Sie wollen: Die Betriebe arbeiten auf höchstem Niveau. Spezialfahrzeuge, Maschinen, Präzisionswerkzeuge, PC – das kann eben nicht jeder. Wir brauchen junge Leute, die damit umgehen können, die zupacken wollen, die ihren Grips und ihr Können zusammenbringen. Das passiert in der Ausbildung im Handwerk. Das macht Spaß. Das gibt einem Zutrauen zu sich selbst – und obendrein die Anerkennung von anderen. Die vom Meister, die von Kollegen und nicht zuletzt die aus dem Freundeskreis.

Hm, warum wissen dann so Wenige darüber? Wie soll eine Schülerin, ein Schüler zum Handwerk finden?
Eigentlich ganz einfach: Sich einfach mal trauen, bei einem Handwerker, dessen Arbeit man interessant findet, vorbeigehen, ihn anrufen oder eine kurze Mail schreiben: Kann ich mir mal angucken, was Sie so machen? Kann ich mal reinschnuppern?
Da kann man über die Zeit verteilt leicht mal zwei, drei Berufe aus eigener Anschauung kennenlernen – und merkt, ob einem dieses oder jenes liegt. So manche und mancher, die oder der's gewagt hat, war erst überrascht und dann begeistert.

Welches Thema treiben Sie im Handwerk derzeit sonst noch um?
Uns im Handwerk machen die derzeitigen Diskussionen und politischen Absichtsbekundungen Sorgen, neue finanzielle Belastungen einzuführen. Kommt die CO2-Steuer oder der Emissionshandel, wird das die Preise allgemein hochtreiben. Wer soll sich dann noch das Bauen oder das Sanieren leisten können? Das trifft vor allem Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen besonders hart. Wir nehmen das so wahr: Da fehlt das Augenmaß.

Lässt die Politik das Handwerk im Stich?
Manchmal kommt es uns wirklich so vor, als würde die Politik das Handwerk verlassen. Und das wäre ein wirklich schwerer Fehler, denn das Handwerk ist mitten in unserer Gesellschaft. Schauen Sie sich um: Bäcker, Metzger, Autowerkstatt, Polsterer, Schreiner, das Handwerk ist überall. 

Und das wollen Sie ja auch am Tag des Handwerks (Samstag, 21. September), verdeutlichen.
Ja, wir vom Handwerk treffen uns in Endingen und gehen in mehrere Betriebe. „Wo steckt überall Handwerk drin?“, wird unsere Leitfrage sein. Da wird mancher staunen, was alles fehlen würde, wenn's kein Handwerk gäbe! Nicht umsonst heißt es ja: Das Handwerk – die Wirtschaftskraft von nebenan!