„Teilhabe überall möglich machen“

Verein Horizont veranstaltet mit Deutschen Kammerschauspielen am 24. November Theater für alle

Am Sonntag, 24 November um 15.30 Uhr zeigt der Verein für integriertes Leben Horizont das Grimm Märchen „Der Froschkönig“ in der Produktion des Theaters Deut-sche Kammerschauspiele im Endinger Bürgerhaus. Es ist ein Theaterstück für Familien, Jung und Alt. Dank Induktiver Hörschleife, Gebärden- und Schriftdolmetscher sowie Audiodeskrip-tion ist die Teilhabe auch für Hör- und Sehbehinderte ein echtes Erlebnis. Darüber hinaus soll die Veranstaltung eine beispielhafte Initialzündung werden, um die Inklusion künftig auch in anderen Bereichen wirklich zu leben.

Sonja Pawellek, Vorstand des Vereins Horizont und Inklusionsvermittlerin der Gemeinden am Nördlichen Kaiserstuhl, hatte zum Jahresbeginn die Idee eine, eine Inklusionsveranstaltung in Endingen zu organisieren. „Es sollte aber keine gewöhnliche Infoveranstaltung werden, sondern etwas Kulturelles“, so Pawellek zur Grundidee. Mit Annette Greve, Leitern der Deutschen Kam-merschauspiele, entwickelte sie die Grundidee für ein gemeinsames Theaterstück. „Wichtig für unser Projekt war der gemeinsame Besuch einer Veranstaltung mit dem Berliner Autor, TV-Moderator und Inklusionsaktivisten Raul Krauthausen in Emmendingen.“ Krauthausen setzt sich sehr für eine Gesellschaft ein, in der Menschen mit und ohne Behinderungen gleichberechtigt zusammenleben können. Inklusion bedeute die gelichberechtigte Teilnahme am öffentlichen Leben und ist ein Grundrecht, das seit zehn Jahren in der Behindertenrechkonvention der Verein-ten Nationen verankert ist. „Was Krauthausen sagte, war beeindruckend, fasziniert waren wir aber auch von Gebärdensprachdolmetscherin Anke Hagemann, die dort übersetzte“, so Greve. Hagemann habe es sogar geschafft Musik in „Gebärdenpoesie“ für Gehörlose zu übersetzen, „sie konnte Gefühle vermitteln, die sonst nur durch das Hören von Musik erzeugt werden.“

Aufwendige Technik

Pawellek und Greve entwickelten in der Folgezeit einen Plan, wie eine Theateraufführung barrie-refrei in jeder Hinsicht angeboten werden kann. Denn vor allem Besucher, die sehbehindert, blind, hörgeschädigt oder auf einen Rollstuhl angewiesen sind, können an solchen kulturellen Angeboten meist nicht teilhaben. Doch mit der entsprechenden technischen Ausrüstung können solche Barrieren überwunden werden. Für die Inszenierung des „Froschkönig“ wurden Hage-mann und Barbara Herold als Gebärdendolmetscher gewonnen. Diese werden als „Sprachschat-ten“ direkt neben den Schauspielern auf der Bühne agieren. „Die Gesprächsdolmetscher haben sich akribisch vorbereitet, aber auch für die Schauspieler selbst ist die Methode eine große Her-ausforderung“, erklärt Greve. Dazu schreiben zwei Schriftdolmetscher das Geschehen in Echtzeit mit, die Texte werden über Monitore gut sichtbar übertragen. Blinde Personen können die Hand-lungen auf der Bühne durch Audiodeskription besser miterleben. Über Kopfhörer erhalten sie die Beschreibung der Handlungen abseits des gesprochenen Wortes. Darüber hinaus kommt mit der sogenannten induktiven Hörschleife eine besondere Tontechnik zum Einsatz, die den Bühnen-ton direkt auf die Hörgeräte von Besuchern leitet, dabei aber andere Geräuschquellen aus dem Saal ausblendet. Die Technik für das Theaterstück ist aufwendig und teuer – auf rund 10.000 Euro belaufen sich die Kosten. Rund 7.000 Euro macht davon die besondere Ausstattung aus, um das Theaterstück inklusiv erlebbar zu machen. Einige Sponsoren wurden bereits gefunden, „wei-tere Unterstützer sind uns aber sehr willkommen“, so Pawellek, die bedauert, dass „von Gewerbe-treibenden bisher leider kein Interesse an dem Projekt bestand.“

Das Stück

Passend zum Thema Inklusion wählten Pawellek und Greve das Märchen „Der Froschkönig“ aus. „Ausgrenzung und Ablehnung steht hier im Vordergrund“, so Greve. Der Frosch werde von der Königstochter benutzt, aber als „glitschig, eklig und unpassend“ von ihr betrachtet. Doch mit dem treuen Heinrich hat der Frosch, der ein verwunschener Prinz ist, einen Helfer, der die Dinge ge-schickt zum Guten lenkt und die Königstochter von der Bedeutung innerer Werte überzeugt. „Die Inszenierung des Stückes spielt im England um 1850“, erklärt Greve dazu, „Musik, Gesang und Tanz machen das großartige Verwandlungsmärchen für alle zum Erlebnis.“ Die Aufführung werde Kinder und Erwachsene mit und ohne Behinderung gleichermaßen ansprechen, für die Veran-staltungs-Bewirtung sorgt der Verein Horizonte.

Zukunftsweisende Initialveranstaltung

Die Theateraufführung am 24. November stellte eine Premiere in mancher Hinsicht dar. Denn mit dem Stück selbst möchte Greve mit den Deutschen Kammerschauspielen auch bundesweit auf Tourneen gehen, um möglichst viele Menschen die kulturelle Teilhabe in dieser Form anbieten zu können. Andererseits soll die Aufführung auf eine Initialzündung sein, damit das Thema Inklusi-on auch auf Veranstaltungen ganz anderer Art übertragen werden kann. Pawellek und Greve hatten beispielsweise von vielen Menschen mit Handicap gehört, die an der Podiumsdiskussion im Bürgermeisterwahlkamp 2018 nicht teilhaben konnten. „Gebärdendolmetscher oder Schriftdol-metscher wären hier sehr hilfreich gewesen“, so Pawellek. Sie freue sich, das Endingens Bürger-meister Tobias Metz sich in dieser Richtung sehr offen zeige. So könnte auch Veranstaltungen wie der Neujahrsempfang künftig inklusiv gestaltet werden, „eine barrierefreie Veranstaltung ist weit mehr als nur rollstuhlgerecht“, betont Pawellek.