Kulturelles Leben weiter im Schwebezustand

Veranstaltungsbranche demonstriert mit „Night of Light“ - aus für Brettli-Märkt und Co.?

Viele hatten Veranstalter hatten noch gehofft, nun ist jedoch klar: Auch bis Ende Oktober wird es keine Großveranstaltungen in Deutschland geben.

„So lange es keinen Impfstoff gibt, müssen wir weiter mit der Pandemie leben“, formulierte es Kanzlerin Angela Merkel. Das heißt, die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit bleibt bestehen. Ebenso gilt weiterhin das Abstandsgebot. In puncto Großveranstaltungen hat sich die Ministerpräsidentenkonferenz darauf verständigt, das Verbot bis zum 31. Oktober auszuweiten. Am Dienstagnachmittag veröffentlichte die Baden-Württembergische Landesregierung die neue, übersichtlichere Coronaverordnung, die zum 1. Juli in Kraft tritt. Laut ihr sind in Baden-Württemberg bis 31. Juli Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen gestattet, danach bis 31. Oktober mit bis zu 500 Personen. Wird Personen ein fester Sitzplatz zugewiesen und gibt es ein Vorhinein festgelegten Programm, dann dürfen schon im Juli 250 Personen eine solche Veranstaltung besuchen. Weiterhin untersagt bleiben Tanzveranstaltungen. Beschäftigte und sonstige Mitwirkende an der Veranstaltung bleiben bei den Zahlen außer Betracht. Ebenso gilt die Personenzahl nicht für Veranstaltungen, die der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, der Rechtspflege oder der Daseinsfürsorge oder -vorsorge dienen.

Die Veranstaltungsbranche, die sich aus vielfältigen Bereichen von Künstlern sowie Konzert- und Veranstaltungsagenturen über Licht- und Tontechnik, Bühnen- und Messebau, aber auch Catering, Vermietern von Räumlichkeiten und vielen mehr zusammensetzt, läuft bundesweit Sturm. Seit Mitte März macht die Branche quasi keinen Umsatz mehr. Durch die Verlängerung des Verbots und den danach noch folgenden Vorlauf zur Planung von Veranstaltungen geben es einen Umsatzausfall von 80 bis 100 Prozent über einen Zeitraum von mindestens acht Monaten, so die „Initiative für die Veranstaltungswirtschaft“. Daraus resultiere eine akute Insolvenzgefahr für die gesamte Branche. Darauf will man die Öffentlichkeit aufmerksam machen, um zu verdeutlichen, dass die derzeitigen Hilfeleistungen nicht ausreichen. In der Nacht von Montag auf Dienstag „demonstrierten“ deshalb bundesweit über 8.300 betroffene Unternehmen bei der „Night of Light“. Eventlocations, Spielstätten, Gebäude und Bauwerke wurden in rotes Licht getaucht, quasi als leuchtende Mahnmale. Sogar im Ausland wurde die Aktion aufgegriffen. So leuchteten unter anderem auch Mahnmale in der Schweiz, Frankreich, Spanien, Ungarn und einigen weiteren Länder in in Europa, aber sogar auch in den USA, Japan, Indien und den Arabischen Emiraten.

In Emmendingen tauchte B&HP Weißhaar das Markgrafenschloss in rotes Licht. „Die Verunsicherung ist das größte Problem“, erklärt Bernd Weißhaar im Gespräch. Da es bis dato kein konkretes Regelwerk gebe und auch die Entwicklung der Pandemie bis zum Herbst in den Sternen stehe, würden jetzt schon über den 31. Oktober hinaus weitere Veranstaltungen gecancelt. Wie lange werde das noch weiter gehen? „Ich möchte mich aber auch bedanken – bei der Politik, weil sie einen richtig guten Job gemacht hat, um den Unternehmen und Mitarbeitern zu helfen, und bei den Menschen, weil diese Hilfen nur durch die enorme Solidarität aller Bürger möglich gemacht wurden“, so Weißhaar. Er hofft aber, dass durch die Demo der Dialog aufgenommen werde, wie man die extrem heterogene Branche mit bundesweit mehreren hunderttausend Arbeitsplätzen sichern könne. „Die Veranstaltungsbranche sind DIE Profis in Sachen Planung und Konzeption, das möchten wir nun unter Beweis stellen.“

Auch an weiteren Orten in Emmendingen und der Region waren viele Firmen aktiv. Mammagamma beleuchtete das Emmendinger Tor und den Eichbergturm. In Reute erstrahlte das Firmengebäude von BP Eventtechnik. Im Rest des Landkreises wurden ebenfalls leuchtende Mahnmale gesetzt. So wurden am Montag unter anderem die Burg Lichteneck in Hecklingen, das Torli in Endingen und der Steinbruch in Kenzingen beleuchtet, ebenso wie in Denzlingen das Kultur- und Bürgerhaus. In Freiburg wurden die Veranstaltungshäusern der FWTM (Konzerthaus, Historisches Kaufhaus, Messe) sowie unter anderem auch die Lokhalle, der Paulussaal, das Theater, das Ensemblehaus, das Ballhaus der Tanzschule Gutmann sowie die Firmengebäude der teilnehmenden Unternehmen illuminiert. Die Resonanz, vor allem im Netz, war riesig. Aber auch vor Ort waren die Bürger interessiert. Für die unter der Woche doch recht späte Stunde waren machten sich erstaunlich viele auf den weg, um sich das Lichtspektakel persönlich anzuschauen und suchten auch das Gespräch mit den jeweiligen Veranstaltern.  

Schlag für Gewerbe und Vereine

Das Verbot von Großveranstaltungen bedeutet jedoch nicht nur für die Veranstaltungsbranche einen herben Schlag, sondern auch für die Geschäfts- und Vereinswelt in der Region. Verkaufsoffene Sonntage sorgen bei den Einzelhändlern nicht unerheblich für Umsatz. Dieser wäre natürlich besonders jetzt zur Kompensation des Ausfalls aufgrund des Lockdowns und dem momentan noch zurückhaltenden Konsumverhalten vital. Eine Verordnung für die sogenannten „Spezialmärkte“, an die die Verkaufsoffenen Sonntage gekoppelt sind, gibt es aktuell noch nicht. Wie Beate Desenzani, Leiterin der Abteilung Kulturmanagement bei der Stadt Emmendingen, berichtet, wird hier beim Gesetzgeber gerade an einer Notlösung gearbeitet. Ausnahmsweise sollen die Geschäfte auch ohne Markt öffnen dürfen. Die Frage, ob sich das dann lohnt, müsse jeder Veranstalter für sich entscheiden, so Desenzani. Das ist aber genau der Casus knacksus, wie Marcel Jundt, beim Gewerbeverein Emmendingen zuständig unter anderem für den Brettli-Märkt, erklärt. „Man hat für so ein Event Werbe- und Personalkosten. Kommen ohne Event genügend Besucher, um das zu rechtfertigen?“, beschreibt er. Abgesagt ist der Brettli-Märkt 2020 bisher noch nicht. „Wir diskutieren unter anderem, ob und unter welchen Hygieneauflagen ein kleinerer Markt denkbar wäre. Etwas Definitives können wir aktuell aber noch nicht sagen.“ Das gelte auch für die übrigen Veranstaltungen wie zum Beispiel das Herdäpfl-Fescht oder die Musiknacht. Noch weiter im Voraus gehen die Gedanken bei der Stadt Emmendingen. Wird dieses Jahr ein Weihnachtsmarkt möglich sein? „Das müssen wir uns jetzt schon fragen, denn mit den Planungen muss man natürlich weit im Vorfeld anfangen“, so Beate Desenzani. „Es gibt eine Deadline. Da müssen alle Beteiligten sich darauf einstellen können, ob das stattfindet oder nicht, egal was bis dahin die Verordnung sagt.“ Da man größtenteils immer mit den gleichen Partnern zusammenarbeite, was zum Beispiel die Hüttenbelegung oder die Musik betrifft, habe man zum Glück noch einen Puffer. Hier ist also Daumen drücken angesagt.

Auch bei den Vereinen in der Region sorgt die Verlängerung des Verbots für viel Diskussionen. Denn für sie sind größere Wein- und Dorffeste oder eigene Hocks und Veranstaltungen oft mit eine der wichtigsten Einnahmequellen im Jahr. In einigen Orten waren Veranstaltungen schon im Vorfeld abgesagt worden, so zum Beispiel das Teninger Gassenfest, das eigentlich am ersten Septemberwochenende hätte stattfinden sollen. Andernorts hofft man noch und wartet die genauen Auflagen ab, die es gegebenenfalls umzusetzen gilt. Wie diese aussehen sollen, ist nicht wirklich abzusehen. Denn selbst wenn die aktuell geltende Beschränkung auf 99 Personen aufgehoben wird, wie soll gegebenenfalls eine Personennachverfolgung auf einem Vereinshock oder bei einem Straßenfest ablaufen? Muss es Einlasskontrollen geben? Wie sieht es im Herbst mit der Abstandsregelung und der Mundschutzpflicht aus? Darf man wieder mitsingen und tanzen? Und wenn das alles machbar wäre; trauen sich die Leute im Herbst überhaupt wieder, ein Fest zu besuchen? Fragen über Fragen, die sich nicht auf die Schnelle beantworten lassen. Es bleibt also weiterhin spannend, wie sich das öffentliche Leben in den kommenden Monaten entwickeln wird.