„Noch so ein Sommer würde uns vor große Probleme stellen“

Im Interview blickt WZO-Geschäftsführer Clemens Merkle auf die vergangenen sechs Monate Corona zurück

 

Seit einem halben Jahr bestimmt das Corona-Virus das Leben der Menschen. Auch an den Wochenzeitungen am Oberrhein (WZO) geht die Pandemie nicht spurlos vorbei. Weil weniger Anzeigen geschaltet werden, sind die Zeitungen deutlich dünner als sonst. Die Beschäftigten arbeiten außerdem kurz. WZO-Redakteur Daniel Gorzalka hat sich mit Geschäftsführer Clemens Merkle unterhalten.

Herr Merkle, Deutschland verfügt über eine bunte Medienlandschaft. Fester Bestandteil sind die kostenlosen anzeigenfinanzierten Wochenzeitungen. Wie stark sind sie von Corona betroffen?

„Enorm. Erst kürzlich hat der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter dazu eine Statistik herausgegeben. Durch die Corona-Pandemie verzeichnete die Branche einen Umsatzrückgang von 40 Prozent. Von den 700 kostenlosen Zeitungen, die in Deutschland regelmäßig unter der Woche erscheinen, mussten 40 Prozent zeitweise eingestellt werden. Ein Beispiel aus der Region ist der ‚Kurier‘, der im Raum Herbolzheim, Kenzingen und Ettenheim verteilt wurde. Seit März ist keine Ausgabe mehr erschienen. Bundesweit sind rund 100 der 700 Titel dauerhaft verschwunden.“

Was ist der Grund?

„Es fehlen die Anzeigen. Geschaltet werden sie normalerweise von den lokalen Unternehmen. Da diese wegen Corona unter Umsatzeinbußen leiden, haben sie ihr Werbebudget entsprechend gekürzt. Anzeigen in der Zeitung werden dann entweder geschoben oder ganz storniert. Hinzu kommt die allgemeine Entwicklung, dass die Menschen immer mehr im Internet kaufen. Während des Shutdowns mussten die lokalen Geschäfte geschlossen bleiben, während Zalando, Amazon und Co. Umsatzrekorde schrieben.“

Wie verliefen die letzten sechs Monate für die WZO-Nord?

„Während des Shutdowns verloren auch wir 60 Prozent unseres Umsatzes. Ohne die Lebensmittelbranche, die während dieser Zeit zulegte, hätte es sogar noch düsterer ausgesehen. Nach den Lockerungen wurde es besser. Durch die Wiedereröffnungen kamen die Anzeigen zurück. Damit stiegen auch bei uns die Umsätze. Aktuell spüren wir leider den Ausfall der Veranstaltungen. Die Zahl unserer anzeigenbegleiteten Sonderseiten, mit denen wir normalerweise auf diese Ereignisse aufmerksam machen, ist verschwindend gering. Einigermaßen stabil läuft immerhin das Geschäft mit den beigelegten Werbeprospekten. Hier sind wir wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit. Nur: wenn ein Großkunde abspringt, haben wir auch dort ein Problem.“

Im Verlagshaus in Emmendingen werden sechs Zeitungen produziert. Diese sind momentan sehr dünn. Woran liegt das?

„Das stimmt. Die Seitenzahl unserer Zeitungen misst sich immer am Volumen der Anzeigen. Bei uns liegt das Verhältnis zwischen redaktionellem Teil und der Werbung üblicherweise bei etwa eins zu eins. Dünn sind die Zeitungen aber auch, weil viel weniger Veranstaltungen stattfinden, über die wir berichten können. Seit März widmen sich unsere Redakteure vor allem freien Themen. Oft geht es dabei um Corona und die Auswirkungen auf die Region. Auch die Redaktion sehnt sich wieder nach normalen Themen.“

Mussten Sie eigentlich Mitarbeiter entlassen?

„Nein, zum Glück nicht. Aber seit März befinden sich unsere festangestellten Beschäftigten in Kurzarbeit. Zunächst wurde nur 20 Prozent gearbeitet, seit Juni sind wir bei 50 Prozent. Bis Ende des Jahres werden wir so weitermachen. Grundsätzlich ist die Kurzarbeit ein gutes staatliches Instrument, die Unternehmen finanziell zu unterstützen. Wir begrüßen, dass sie verlängert wurde und die Bezüge ab dem vierten und siebten Monat steigen. Klar ist aber auch, dass die Kurzarbeit keine Dauerlösung sein kann. Den Mitarbeitern fehlt langfristig Geld, von dem Miete, Auto und Essen bezahlt werden müssen. Auf einen Großteil ihres Honorars müssen außerdem unsere vielen treuen Freien Mitarbeiter verzichten. Leider haben wir auch für sie momentan wenig Termine.“

Welche Sparmaßnahmen haben Sie noch getätigt. Haben Sie staatliche Hilfen beantragt?

„Unsere geplanten Investitionen haben wir bewusst gecancelt. Die staatliche Überbrückungshilfe für mittelständische Unternehmen hätten wir sehr gerne beantragt. Mit ihnen hätten wir drei Monate lang unsere Fixkosten decken können. Leider sind die Hürden viel zu hoch angesetzt. Um liquide zu bleiben, mussten wir einen Kredit aufnehmen.“

Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten Monate?

„Eine Prognose zu treffen, ist in diesen Zeiten schwierig. Steigen die Fallzahlen? Wird es einen Impfstoff geben? Falls ja, wann wird er verteilt? Auf diese Fragen gibt es momentan keine verlässlichen Antworten. Trotzdem müssen wir betriebswirtschaftlich planen. Bis März 2021 werden wir die Sparmaßnahmen weiterführen. Aktuell hoffen wir, dass ab April und Mai so langsam aber sicher wieder größere Veranstaltungen stattfinden können. Nochmal so ein Sommer wie 2020 würde uns vor große Probleme stellen. Es wäre der absolute ‚Worst Case‘.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

„Für meinen Geschmack wird der Mittelstand zu wenig unterstützt. Die Hürden für die Überbrückungshilfen sind zu hoch. Dass gerade einmal ein Prozent der Mittel beantragt wurden, sollte den Politikern eigentlich zu denken geben. Was die Bewältigung der Corona-Krise angeht, wünsche ich mir auch mehr Diskurs. Man muss gemeinsam an Lösungen arbeiten. Daher sollten auch alle gehört werden. Es kann nicht sein, dass jemand als „Covidiot“ bezeichnet wird und sofort in eine Verschwörungsecke gestellt wird, nur weil man eine andere Sichtweise hat und gegen die Maßnahmen protestiert. Es gibt sehr viele Menschen, bei denen es um die Existenz geht.“

Welche positiven Aspekte sehen Sie in der Corona-Zeit?

„Für mich ist es schön zu sehen, dass das Team hier im Verlagshaus zusammenhält. Es ist allen klar, dass wir eine schwierige Zeit durchlaufen. Die Kurzarbeit wird daher von allen mitgetragen. Überhaupt haben wir schnell eine Corona-konforme Organisationsstruktur gefunden. Auch hier zeigten sich die Mitarbeiter sehr flexibel. Viele erledigen ihre Arbeit im Homeoffice. Notwendig sind gute Kommunikation und Vertrauen. Beides ist absolut vorhanden. Um das Gehalt aufzubessern, haben einige der Beschäftigten sogar unsere Wochenzeitungen und auch die Tageszeitung ausgetragen. Apropos Zustellung: durch die Pandemie finden wir derzeit wieder mehr Austräger. Lange Jahre war das eigentlich eines unserer größten Probleme.“

Welche Botschaft richten Sie an die Leser, welche an die Anzeigenkunden?

„Unseren Anzeigenkunden danke ich, weil sie uns die Treue halten. Wir tun nach wie vor alles dafür, dass ihre Werbebotschaften bei den Menschen ankommen. Machen Sie weiterhin entsprechende Angebote und seien Sie gerne kreativ, um die Leser in die Geschäfte zu locken! Unseren Lesern danke ich ebenfalls. Wir werden alles dafür tun, Sie auch künftig wöchentlich über die Geschehnisse vor Ort informieren zu können. Kaufen Sie nicht im Internet, sondern gehen Sie in die lokalen Geschäfte. Damit unterstützen Sie nicht nur den Handel und das Leben direkt vor Ort, sondern auch ihre kostenlose Wochenzeitung.“