Sind mobile Raumluftreiniger die Lösung?

Auch in Emmendingen wird über Corona-freie Luft in den Schulräumen diskutiert

Wie soll es bei kalten Temperaturen mit dem Lüften an Schulen weitergehen? Diese Frage beschäftigt momentan Viele. So wird derzeit in zahlreichen Bundesländern mit Hochdruck an Lösungen gearbeitet und Luftreiniger im Kampf gegen das Corona-Virus getestet und eingesetzt. In Bayern werden die Schulen bereits mit Geräten ausgerüstet, auch in Nordrhein-Westfalen wird Geld dafür bereitgestellt. In Emmendingen machen sich Catherin und Dietmar Hexel gemeinsam mit Elternvertretern des Goethe-Gymnasiums für den Einsatz von Luftreinigern in den Schulen stark.

Die Corona-Lage an deutschen Schulen spitzt sich zu. Nach Angaben des Lehrerverbandes sind derzeit bereits mehr als 300.000 Schüler in Quarantäne, im September waren es noch 50.000 Schüler. Zusätzlich sind etwa 30.000 Lehrer bundesweit von den Quarantäne-Maßnahmen betroffen. In Folge davon müssen immer mehr Schulen schließen. „Kinder und Lehrer dürfen auf keinen Fall einem unnötigen Infektionsrisiko ausgesetzt werden. Wie wir heute wissen, spielen Aerosole dabei eine entscheidende Rolle“, trägt Catherin Hexel im Namen der Elterninitiative der Klasse 10c am Goethe-Gymnasium (GGE) in einer Stadtratssitzung Ende Oktober ihr Anliegen vor. Die gelernte Bauingenieurin, die sich 2005 als Coach selbstständig gemacht hat, pocht auf das Recht auf Bildung (Artikel 29 UN-Kinderrechtskonvention) und hält diesbezüglich am Schulbesuch in Corona-Zeiten fest, denn nur im Miteinander erführen Kinder ihre Stärken und Schwächen und übten den verantwortungs- und rücksichtsvollen Umgang mit Ihresgleichen. „Wir alle - Eltern, Lehrer und Schulträger - sind deshalb aufgefordert den Schulbesuch unserer Kinder zu ermöglichen und gleichzeitig das Wohl der Kinder im Auge zu behalten. 

Nur Lüften alleine, wie gesetzlich vorgeschrieben, senkt die Virenbelastung im Raum nicht, dazu braucht es die Kombination von geeigneten Luftreinigern und Lüften“, sieht die Mutter einer Zehntklässlerin den Schulträger in der Verantwortung alle notwendigen Maßnahmen durchzuführen, um auch den Arbeitsschutz für die Lehrer zu gewährleisten.

Unterstützung aus Reihen der Abgeordneten

In diesem Zuge hat sie unter anderem auch Landes-Kultusministerin Susanne Eisenmann, den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß und die SPD-Landtagspolitikerin Sabine Wölfle angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Nach der gesetzlichen Schullastenverteilung obliege die Entscheidung über die Anschaffung und den Einsatz solcher Geräte dem jeweiligen Schulträger, stellt die Kultusministerin in ihrem Antwortschreiben fest. Nichtsdestotrotz hat sie vor wenigen Tagen den Schulen in einem BZ-Interview Finanzhilfen in Höhe von 40 Millionen Euro für coronabedingte Investitionen zugesagt. Alle 4.500 Schulen sollen künftig eigene Budgets für diesen Bereich bekommen. Jede Bildungseinrichtung erhalte einmalig einen Grundsockel plus einen zusätzlichen Betrag je nach Schülerzahl. Demnach soll eine Schule mit 100 Schülern künftig etwa 5.000 Euro erhalten, eine Schule mit 500 Schülern bekäme etwa 15.000 Euro. „Der größte Unterstützer, den wir haben ist Peter Weiß. Er wird sich bei der Bundesbildungsministerin dafür stark machen, dass der Bund ein Programm für mobile Lüfter auflegt“, lobt Hexel. Auch die FDP-Landtagsfraktion mit ihrem stellvertretenden Vorsitzenden und bildungspolitischen Sprecher Timm Kern habe einen entsprechenden Aufruf („Land muss Luftfilter in Klassenräumen fördern“) an die Landesregierung gestartet und damit ihre Unterstützung signalisiert. „Die Schulleitung und der Lehrkörper würden alles Erdenkliche tun, um den Regelbetrieb zu ermöglichen“, betont sie die enge Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat des Goethe-Gymnasiums. „Es ist sehr beeindruckend, wie sich Catherin und Dietmar Hexel in diesem Bereich engagieren“, lobt Christian Backhaus, GGE-Elternbeiratsvorsitzender und Vorsitzender des städtischen Gesamtelternbeirats, die Initiative des Ehepaares. Prinzipiell werde der Vorstoß vom Elternbeirat unterstützt. In Gesprächen mit der Stadt werde man sich bemühen eine gemeinsame Lösung zu finden, die von allen getragen werde. Bei der geplanten konstitutionellen Sitzung Anfang Dezember mit dem neu gewählten Gremium des Gesamtelternbeirats solle die Stimmungslage an den städtischen Schulen abgefragt und das weitere Vorgehen besprochen werden, so Backhaus.

Einmalig 100 Euro pro Kind investieren

„Wir wollen von der Stadt keine Extrawurst für das Goethe-Gymnasium, unser Ziel ist es alle Emmendinger Schulen mit den Geräten auszurüsten. Dazu brauchen wir aber die finanzielle Unterstützung des Schulträgers“, sieht sie die Stadt, die ihrem Anliegen unter anderem wegen der Kostenfrage kritisch gegenübersteht, in der Verantwortung. „Die hohen Beschaffungspreise für Luftreinigungsanlagen die OB Stefan Schlatterer nennt, sind schlichtweg falsch. Als Bauingenieurin kann ich das gut einschätzen“, betont die Initiatorin, die allerdings auch weiß, dass die mobilen Anlagen nicht die Ideallösung sind: „Die beste Lösung wären eingebaute Lüfter, sogenannte dezentrale Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, die zudem den Vorteil haben, dass sie viel Energie einsparen“. 

Auch mit den Stadträten, die von der Elterninitiative der GGE-Klasse 10c ebenso wie Oberbürgermeister Stefan Schlatterer am 15. Oktober angeschrieben wurden, befindet man sich im Austausch. „Unsere Initiative wird von der Fraktion der Freien Wähler und einzelnen anderen Stadträten unterstützt“, gibt Catherin Hexel ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Thema schnellst möglichst auf die Tagesordnung im zuständigen Ausschuss und im Stadtrat kommt. „Es eilt jetzt. Für lange Debatten haben wir keine Zeit. Der Winter steht vor der Tür und der massive Anstieg der Corona-Zahlen erfordert Handlungsbedarf“, betont die Mutter einer Gymnasiastin. Virologen sagten aus, dass zirka 45 Prozent der Corona-Infektionen durch Aerosole in der Raumluft ausgelöst würden. Demnach seien alle Schüler und Lehrer im Unterricht also gefährdet. Dieses große Risiko könne durch Luftreinigungsgeräte deutlich verringert werden, so Hexel. Für eine gute Luftreiniger-Lösung müssten einTrFugmalig pro Kind 100 Euro investiert werden.

Wissenschaftliche Gutachten…Das Ehepaar Hexel und ihre Mitstreiter stützten sich bei ihrer Initiative auf die Gutachten der Bundeswehr-Hochschule München und der Universität Frankfurt. Beide besagen, dass professionelle Luftreiniger mit HEPA-Filter die Virenlast in einem Raum deutlich besser reduzieren als jede Quer- und Stoßlüftung. An die Geräte gibt es bestimmte Anforderungen: Zum einen müssen sie sechs Luftwechsel des Raumvolumens pro Stunde leisten und zum anderen mit Filtern der Klasse H14 oder Technologien, die 99,99 Prozent der Viren beim einmaligen Durchströmen des Gerätes abtöten, ausgestattet sein. Außerdem sollten sie geräuscharm sein, damit sie den Unterricht nicht stören. „Die Ergebnisse zeigen, dass mit Raumluftreinigern die Virenlast innerhalb von 9,6 Minuten um 50 Prozent reduziert wird. Ein dauerhafter Filterbetrieb wird daher eine Anreicherung der Raumluft mit infektiösen Aerosolpartikeln sicher verhindern“, heißt es in der Studie der Bundeswehr-Hochschule. Die Virenlast und die Gerätegröße seien von der Größe des Raumes und der Anzahl der Personen sowie deren Tätigkeiten (Reden, Singen, Sport) abhängig.

Zertifizierte Geräte kosteten je nach Raumgröße und Leistungsfähigkeit zwischen 1.000 und 3.000 Euro brutto, was pro Schüler einer durchschnittlichen, einmaligen Investition von 100 Euro entspricht. Die Bundeswehr-Hochschule führt den Raumluftreiniger „TROTEC TAC V+“ in diesem Zusammenhang als Top-Gerät an (Bruttopreis ca. 3.000 Euro). Zusätzlich zur Anschaffung fielen geringe jährliche Kosten für Filter (H14) und Wartung im Jahr an. Wichtig: Da Raumluftfilter und Entkeimungsgeräte nur dazu geeignet seien, um das indirekte Infektionsrisiko zu minimieren, müssten zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, um auch das direkte Infektionsrisiko zu verhindern (AHA-Regel).

… contra Expertenmeinung

„Die mobilen Raumluftreiniger sind nur eine Notlösung und nicht mehr. Denn das sind reine Umluftgeräte und keine Lüftungsanlagen mit kontrollierter Zu- und Abluft mit denen das eigentliche Problem, der zu geringe Luftaustausch im Raum, nicht beseitigt werden kann“, erklärt Experte Detlef Knöller aus Teningen. Der Inhaber eines Planungsbüros für energetisch hocheffiziente Lüftungstechnik und EnEv-Sachverständige hat schon zahlreiche Gebäudesanierungen in der Region erfolgreich durchgeführt und so manches Lüftungs- und Schimmelproblem damit gelöst. „Mit einer fest eingebauten Lüftungsanlage mit einem Wärmerückgewinnungsgrad von über 90 Prozent und der richtigen Dimensionierung kann man in geschlossenen Räumen die gleichen Luftverhältnisse wie im Außenbereich herstellen. Doch die Kosten zwischen 8.000 bis 12.000 Euro pro Klassenraum je nach Variante, werden von der öffentlichen Hand leider immer wieder gescheut“, verweist der Diplomingenieur darauf, dass der Einbau von Lüftungsanlagen in öffentlichen Gebäuden in Österreich oder den skandinavischen Ländern bereits Standard ist. Nach der Regelung der geltenden Arbeitsstättenverordnung seien die aktuellen CO2-Werte in Schulen und öffentlichen Gebäuden eh schon zu hoch. Eine fest installierte Lüftungsanlage könne bis zu 800 Kubikmeter Luft pro Stunde austauschen. Der von der Bundeswehr-Hochschule angeführte Top-Raumluftreiniger sei lediglich ein Umluftgerät mit Partikelfilter, der wie eine Dunstabzugshaube funktioniere, und die verbrauchte Luft permanent im Kreis herum pumpe. Erhebliche Zweifel äußert Knöller auch bezüglich der „geringen jährlichen Zusatzkosten“ für Filterwechsel und Wartung. „Ich würde den zusätzlichen, jährlichen Aufwand pro Gerät bei weit über 1.000 Euro festmachen“, betont der Sachverständige. 

Anschaffungskosten zirka 800.000 Euro 

Die Stadt hat am 27. Oktober ein Testgerät zur Luftreinigung (Kosten 4.340 Euro) bestellt, die Lieferzeit beträgt vier Wochen. „Kostengünstigere Geräte und die Geräte zur Miete, die zurzeit auf dem Markt zu erhalten sind, erfüllen die erforderlichen Kriterien, sprich Luftwechselrate, Virenreduktion und Schallemission, nicht zufriedenstellend“, heißt es in der Stellungnahme der Verwaltung. Beim bestellten Testgerät könne beispielsweise der Luftvolumenstrom an die Raumgröße angepasst werden, was zur Minimierung der Schallemission führe. Zudem regeneriere das Testgerät den Filter thermisch und verhindere so, dass Viren austräten. Bei der Ausstattung von geschätzt zirka 200 Schulräumen (Klassenräume, Fachräume, Besprechungsräume) würden die Anschaffungskosten bei rund 800.000 Euro zuzüglich der laufenden Kosten für Wartung und Strom liegen, so die Stadt.  Das Kultusministerium empfehle auf Grundlage der Expertise des Bundesumweltamtes das Stoßlüften (alle 20 Minuten) als effektivste Möglichkeit, Aerosole in den Klassenzimmern zu reduzieren und die Ausbreitung von Corona zu verhindern. Die Luftreinigungsgeräte könnten dort sinnvoll zum Einsatz kommen, wo ausreichendes Stoßlüften nicht möglich sei. Laut Kultusministerin Susanne Eisenmann sollen die angekündigten Fördergelder direkt an die Schulen verteilt werden. Die genauen Auszahlungsmodalitäten und ob die Gelder frei verwendet werden könnten, sei derzeit aber noch unklar, schreibt die Stadt.