Zum 50. ein Geschenk von unschätzbarem Wert

Konzerte der "Modern Schola" auf fünf CDs neu aufbereitet - Ab 1970 trafen sich junge Menschen zum Musizieren

Herbolzheim (ks). „Wir träumen einen Traum“. Der Titel eines der ersten Lieder war zugleich Programm. Junge Menschen hatten sich 1970 im nördlichen Breisgau und der südlichen Ortenau zum Singen und Musizieren zusammen gefunden, gestalteten anfangs Jugendgottesdienste mit modernen, rhythmischen Liedern mit – um nach und nach das Repertoire ebenso zu erweitern wie die Formate ihrer Auftritte. Aus der anfänglichen „schola“ wurde die „modern schola herbolzheim“.

Ihre musikalische Vielseitigkeit, ihr in der ganzen Region einzigartiger Musikstil und die hohe Qualität von Gesang und Instrumentalspiel animierten viele Kirchengemeinden, Volkshochschulen, kulturelle Veranstalter im ganzen badischen Raum, die „modern schola“ zu Konzerten einzuladen. 1977 war sie dann gar im Südwestfunk zu hören. Auch in Herbolzheims französischer Partnerstadt Sisteron war das Publikum vom jungen Ensemble begeistert. Weit über hundert Auftritte, davon 33 vollständige Konzerte, stehen in der Zeit zwischen 1973 und 1985 zu Buche. Initiator, Hauptorganisator und Dirigent war der Herbolzheimer Karl Saar, Organist mit hoher kirchenmusikalischer Ausbildung. Schlagzeuger Manfred Hess stellte die Band  zusammen. Heute, in Zeiten der digital schier unbegrenzten Möglichkeiten kann man sich kaum vorstellen, welche Arbeit hinter den Arrangements für einen vierstimmigen Chor samt Band steckte. Man hörte vielleicht im Radio einen Song, der einem gefiel, suchte möglichst nach einer Schallplatte oder einer Tonbandaufnahme, um die Melodie ins Ohr, dann zu Papier zu bringen und auf dieser Grundlage ein eigenes Arrangement für mehrstimmigen Chorgesang und Instrumentalbegleitung zu kreieren. Man vergegenwärtige sich: wir reden von einer Zeit vor einem halben Jahrhundert!

Bald 50 Sänger

Mit dem Erfolg wuchs der eigene Anspruch, aber auch der Chor auf über 50 begeisterte Sängerinnen und Sänger und die Band um immer neue Instrumente und Instrumentalisten. Weil bei Arrangeur und Chorleiter Karl Saar, wie zunehmend bei weiteren Mitgliedern des Ensembles, die Beanspruchung durch Beruf oder Familie zu groß wurden, übernahm 1982 Richard Riffel den Dirigentenstab, gab der „modern schola“ für neun Konzerte eine neue programmatische Ausrichtung, ehe im Dezember 1985 dann das Abschiedskonzert der „modern schola“ anstand.

Die begeisterte Erinnerung – ob bei all den Sängerinnen und Sängern, den Bandmitgliedern oder den Zuhörerinnen und Zuhörern – ist das eine. Aber wie steht es um die akustischen Erinnerungen? Wurden die Konzerte doch in der Regel aufgenommen – allerdings mit den damals sehr einfachen technischen Möglichkeiten wie Tonband, Kassettenrecorder, einfachen Mikrofonen und mit all den damit verbundenen Schwächen: Störungen, Verzerrungen, Rauschen, Publikumsgeräuschen. 40 Kassetten und 20 Tonbandaufnahmen dieser Art lagerten seit damals in den Schubladen, nach so langer Zeit kaum mehr anzuhören.

Alte Aufzeichnungen optimiert

Das im Rahmen der Möglichkeiten zu ändern, daran hat sich der damalige Bandleader Manfred Hess in wertvoller, zeitaufwändiger Arbeit herangemacht. Nach Reinigung der Tonbänder und einer gründlichen technischen Überholung des wichtigsten Aufnahmegeräts von damals ermöglichte ein professioneller Analog-Equalizer ein zufriedenstellendes Klangbild der früheren Konzerte. Nun konnte Hess die alten Konzertaufnahmen auf einem Digitalrecorder neu aufzeichnen und anschließend über eine PC-Software in die einzelnen Songs aufteilen. Schneiden, ein- und ausblenden, leicht optimieren waren dann die weiteren Schritte. Das Ergebnis ist faszinierend. Das modern-schola-Repertoire aus anderthalb Jahrzehnten mit über 130 Musiktiteln und sechseinhalb Stunden Musik hat er auf fünf thematisch sortierten CDs für die Nachwelt aufbereitet und erhalten.

CD 1 ist den Spirituals und Gospels gewidmet, die von Anfang an bis zum letzten Konzert fester Bestandteil des modern-schola-Repertoires waren. Zwischen 1970 und 1980 wirkte die  modern schola mit diesen religiösen afroamerikanischen Liedern in über zwanzig Gemeinden an Konzerten oder modernen Gottesdiensten mit. Nicht minder typisch für Chor und Band, was die zweite CD prägt: Protestsongs der 60er- und 70er Generation gegen Krieg, Gewalt, Rassentrennung, Unmenschlichkeit. Aber auch in ein modernes Rockgewand verpackte Minnelieder („Ougenweide“), jiddische Lieder und Liedermacher-Songs (Hannes Wader) laden auf dieser CD zum Zuhören und Mitsingen ein. CD 3 mit Folk und Pop vermögen dies nicht weniger. Wer erinnert sich nicht an die modern-schola-Interpretationen von „Amazing Grace“, an Perlen der Popmusik von Joan Baez oder Peter, Paul and Mary, von Simon and Garfunkel, von den Mamas and Papas, erst recht die Beatles oder Reinhard Mey, bei dessen „Über den Wolken“ das eingespielte Geräusch eines Fliegers die Zuhörer unweigerlich die Köpfe einziehen ließ. Mitwirkenden wie Zuhörern von damals geht angesichts der Aufbereitung das Herz auf, auch bei CD 4 mit Musical-Ausschnitten. CD 5 zeigt mit reinen Instrumentalstücken die unglaubliche Bandbreite der Band mit ihren über 25 Instrumentalisten in all den Jahren. Erhältlich sind die CDs für ehemalige Mitglieder bei Karl Saar, Axel Moser und Manfred Hess.