"Stummer Zeitzeuge gegen Krieg und Nationalismus"

"Raus aus dem Schattendasein": Gefallenendenkmal 1870/70 wird an alter Stätte teilrestauriert

Kenzingen (slw). Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte und Landeskunde (AgGL) und mit kräftiger finanzieller Unterstützung durch die Stadt wurde das im Amt für Denkmalpflege eingetragene „Gefallenendenkmal“ 1870/71 an ihrer alten Stätte teilrestauriert.

Beim Pressegespräch mit Bürgermeister Matthias Guderjan erläuterte ein dreiköpfiges Vorstandsgremium die Absicht, die Entstehung und den historischen Hintergrund des mächtigen Obelisken. Das 1877 in Auftrag gegebene und errichtete Denkmal liegt etwas abseits der Freiburger Straße direkt an der Abzweigung in die Oberhausener Straße. Dort fristete das Mahnmal unter den Linden buchstäblichem einem Schattendasein. AgGL-Vorsitzender Klaus Weber stellte in mehreren Debatten mit Einheimischen fest, dass das steinerne Monument selbst bei Einheimischen kaum einen Bekanntheitsgrad genießt geschweige denn das Bewusstsein des historischen Anlasses. Damit das Mauerblümchendasein dem Ende entgegenfristet ging die AgGL mit akribischer Recherche in die Offensive.

Steinhauer Florian Hügle erschuf das Denkmal auf städtisches Geheiß. Der Entwurf stammte vom gebürtigen Kenzinger Ehrenbürger Franz Sales Meyer. Der monolithischer Steinpfeiler aus Buntsandstein weist eine Höhe von fünf Meter auf. 

"Kein Siegesdenkmal"

Vor drei Jahren fragte ein Stadtrat den Vorstand, ob die Bezeichnung „Siegesdenkmal“ richtig sei, kam baldigst die Antwort Nein. Um die Jahrhundertwende waren Kriegerdenkmale beliebte Postkartenmotive, Das Amt für Denkmalpflege stufte das verwitterte Objekt als „Gefallendenkmal“ ein. Beide Begriffe sind nach Klaus Webers Meinung unzutreffend. Die Erinnerungsstehle soll zwar an die Gefallenen erinnern aber auch unglücklich gewählt, da die Inschrift auf der Südseite 55 Heimkehrer und in der abgewandten Westseite lediglich vier gefallene Soldaten aufführt. Mit dem Rathauschef einigte sich die Vereinsführung den neutralen Begriff „Denkmal 1870/71“ zu verwenden. 

Der Platz inmitten eines kleinen Parkfluidums legt ein ernstes Zeugnis der Geschichte ab, mahnt gleichzeitig als stummer Zeitzeuge gegen Krieg und Nationalismus. Es bedarf der Anbringung einer Hinweistafel mit der Aufschrift „Das Denkmal erinnert an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. 150 Jahre nach Friedenschluss sei ein würdiger Anlass diesen zu begehen, regte die AgGL mit einer umfänglichen Steinrestaurierung an. 

Üsenbergische Familienhistorik

Reminiszenzen aus der Schulzeit von Eberhard Kimmi, belegen, die Säule erfuhr eine stiefmütterliche Behandlung in den Klassen. Auf dem Sockel ist üsenbergische Familienhistorik in Stein gemeißelt. Reinhold Hämmerle suchte eine Antwort auf die Frage: „Ist das Denkmal ein aus der Zeit gefallenes Relikt?“. Seine Nachforschungen beginnen mit der überstürzten Kriegerklärung Frankreich an Preußen datiert vom 19. Juli 1870 und führten nach Grande-Nation-Niederlage zur Proklamation des Preußenkönigs Wilhelm I in Versailles zum Deutschen Kaiser. Als Reparationsleistung mussten im Friedenspakt Teile Lothringens und das Elsass abgetreten werden. Heute weiß man, die Kapitulation war mehr als 40 Jahre später der Anlass für den ersten Weltkrieg „der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Traurigste Bilanz: Der Blutzoll bestand aus fast 51.000 auf deutscher Seite. Linksrheinische starben gar 139.000 Menschen, ergänzte Hämmerle. Auf Initiative vieler Veteranenverein entstanden in beiden Länder viele Denkmäler mit vaterländischer Sakralbedeutung. So auch  die markante Obelisk. Im benachbarten Wagenstadt steht aus gleich traurigem Anlass immerhin eine schlichte zwei Meter hohe Sandsteinsäule, sichtbar beim Rathaus an der Kenzinger Straße.

Noch bevor sich die Delegation per Fußmarsch zur Gedenkstätte begab schätzte der Rathauschef den Zeitpunkt als richtig an um darüber zu reden. Die Firma Novolin ist mit der Sanierung beauftragt und als Abschluss wird eine einsprachige Gedenktafel angebracht. Zu einem späteren Zeitpunkt soll im feierlichen Rahmen die Einweihung nachgeholt werden. Reinhold Hämmerle wird seinen Vortrag in den Festakt einbetten.