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„Wir können der Angst auch etwas entgegensetzen!“

OB Stefan Schlatterer verbreitete beim Frühlingsempfang Zuversicht und lobte die große Solidarität und Hilfsbereitschaft

Emmendingen. „Wir werden es gemeinsam schaffen, mit diesen Unsicherheiten und Krisen umzugehen“, verbreitete OB Stefan Schlatterer beim Frühlingsempfang am Samstag in der Steinhalle vor rund 200 geladenen Gästen Zuversicht und lobte die enorme Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit und Solidarität in der Bürgerschaft. Die Stadt habe den traditionellen Neujahrsempfang leider absagen müssen, wolle aber auf diese Veranstaltung, bei der die Begegnung im Vordergrund stehe, nicht verzichten, führte er zu Beginn aus.  

Bis vor wenigen Wochen sei unser aller Leben noch von der Corona-Krise und ihren Folgen geprägt gewesen, aber mittlerweile habe sich über die Pandemie die Erfahrung einer dramatischen, neuen Krise gelegt, verurteilte Schlatterer Putins Angriffskrieg auf die Ukraine aufs Schärfste. „Wir leben in Zeiten von Unsicherheit, Sorgen und Angst, aber wir können dieser Angst auch etwas entgegensetzen, nämlich unsere Wehrhaftigkeit und unsere Mitmenschlichkeit, unseren Willen zum Frieden und den Glauben an Freiheit und Demokratie, die wir verteidigen werden“, so Schlatterer. Sowohl in Corona-Zeiten wie auch jetzt bei der Aufnahme Geflüchteter und bei der Ukraine-Hilfe habe man gesehen, wie viel zivilgesellschaftliches Engagement und Solidarität in der Emmendinger Bevölkerung vorhanden sei, betont er, dass die Stadtverwaltung im vergangenen Jahr alles dafür getan habe, um die Pandemie zu bekämpfen. Eine besondere Herausforderung sei die Bearbeitung „der gefühlt mehr als einhundert“ vom Land erlassenen Corona-Schutzverordnungen gewesen. „Tatsächlich waren es zwölf, doch das Ganze war mit sehr viel Arbeit, Nacht- und Sonntagsschichten der Mitarbeiter verbunden“, betonte er.    

Bildung und Betreuung
Die letzten zwei Jahre seien auch genutzt worden, um die Einrichtungen im Bereich Bildung und Betreuung weiter auszubauen, nannte Schlatterer den neuen Kindergarten auf dem Fritz-Boehle- Areal, den Ackerwagen der Grundschule Kollmarsreute oder das Waldklassenzimmer der Grundschule Mundingen beispielgebend. Auch die Digitalisierung der Schulen sei vorangebracht worden. Mit Hochdruck werde zudem am Ausbau der Kita-Betreuungsplätze gearbeitet, verwies er auf die 80 Plätze im Fritz-Boehle-Areal, die Erweiterung der Krippe in Kollmarsreute und den neuen Kindergarten „Villa Sonntag“ mit 50 Plätzen.

Klimaschutz
Der zweite Schwerpunkt liege auf dem Thema „Klima- und Umweltschutz“, verwies er auf das 12-Punkte-Programm zur Stärkung und Intensivierung der Maßnahmen zu Klimaschutz und Klimaanpassung sowie auf die Einrichtung eines Klimabeirates und das Förderprogramm „Energiehaus Emmendingen“, das neu aufgelegt worden sei. Zentral bei allen Themen sei das Ziel, notwendige Entwicklungen, wie unter anderem die Schaffung von Wohnraum in Übereinstimmung mit Klimaanpassung und Umweltschutz zu bringen. Durch die Beteiligung am Förderprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ habe die Stadt die Chance, die Aufenthalts- und Lebensqualität in der Innenstadt zu erhöhen sowie Handel und Gastronomie zu stärken.  

Bauprojekte
In seiner Rede ging er auch kurz auf die großen Bauprojekte der Stadt ein, neben dem Boehle-Kindergarten, auf die Bauarbeiten zur Sanierung des alten Mundinger Grundschulgebäudes und den geplanten Mehrzweckneubau, das bislang größte Projekt der Städtischen Wohnbaugesellschaft auf dem Areal zwischen Brettenbach und Hochburger Straße (Kosten 15 Mio. Euro). Wichtig dabei sei der Klimaschutz, deshalb werde die Wohnanlage (45 Wohnungen) mit dem höchsten Energiestandard ausgestattet. Im Baugebiet „Herrschaftsacker“ (Kollmarsreute) sollen 32 Grundstücke erschlossen werden, das Versorgungskonzept für das Neubaugebiet „Elzmättle“ in Wasser sei im Stadtrat jüngst beschlossen worden.

Krieg in der Ukraine
Das zentrale Thema in diesen Tagen sei der schreckliche Krieg in der Ukraine, der „uns alle erschüttert“. Es sei furchtbar, was die Menschen dort jetzt durchleben müssten, Tod und Verwundung, Zerstörung, Vertreibung und vieltausendfaches Leid. „Und das ganz in unserer Nähe, in einem Nachbarland unseres Nachbarn“, sprach er die polnische Partnerstadt Sandomierz an. Ganz Polen leiste Erstaunliches, bislang seien drei Millionen Kriegsflüchtlingen dort aufgenommen worden. „Auch in Emmendingen erleben wir, wie stark das europäische Netzwerk auf der Ebene unserer Städtepartnerschaften wirkt“, verwies er auf den Verein „Freunde der Städtepartnerschaften“, der gleich nach Kriegsausbruch ein Konto eingerichtet habe, um Geldspenden für die Ukraine und ukrainische Flüchtlinge zu sammeln. Bis letzten Freitag seien rund 50.000 Euro auf diesem Konto eingegangen, lobte er auch die vielen anderen Spendenprojekte und appellierte an die Anwesenden zu helfen. Bis dato seien rund 250 ukrainische Geflüchtete in der Stadt registriert (38 % Kinder und Jugendliche). Evgenia Sinitskaya ist eine davon. Sie ist Anfang März mit ihrem Sohn aus der Ukraine nach Emmendingen geflüchtet.

Schicksal einer Betroffenen
In ihrem Grußwort erzählte sie sehr anschaulich, wie sie innerhalb von acht Jahren bereits zum zweiten Mal vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet ist. Denn sie stammt ursprünglich aus dem Donbass, wo sie in ihrer Heimatstadt Gorlivka als Buchhalterin und Wirtschaftsanalytikerin gearbeitet hat. Es sei schwer dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung in Worte zu fassen, wenn man feststelle, dass man ein gutes Leben, einen Job und Freunde hatte, und von heute auf morgen alles weg sei. In Charkiw hat sie sich dann eine neue Existenz aufgebaut, fünf Jahre als Tourismusmanagerin gearbeitet und dann ein eigenes Reisebüro eröffnet, bis am 24. Februar erneut der Krieg ausgebrochen sei. „Ich werde nicht im Detail beschreiben, wie lange und schwer der Weg hierher war, das einzige Ziel, das ich hatte, war das Leben meines Kindes und mich selbst zu retten“, schilderte sie in eindrucksvollen Worten. Ihre wilde Odysee von Charkiw nach Emmendingen habe sechs Tage gedauert, wo sie sehr gut aufgenommen worden sei.

Historisches zum Abschied
Hans-Jörg Jenne, Stadthistoriker und Fachbereichsleiter „Familie, Kultur und Stadtmarketing“ bei der Stadt, der Ende Januar in den Ruhestand ging (wir berichteten), nutzte den Empfang, um sich offiziell zu verabschieden. In seiner ausführlichen Rede ging der geborene Nieder-Emmendinger auch detailliert auf die Geschichte der Steinhalle als „Ort der Erinnerung“ ein, den er schon im Alter von fünf Jahren beim Kinderturnen kennenlernte. Das zeitlose Denkmal in der Unterstadt habe seine „Multifunktionalität“ in all den Jahren schon vielfach unter Beweis gestellt. So diente die Steinhalle in ihrer Geschichte als Kriegslazarett, Box-Halle, Verkaufshalle für Schuhe und Möbel, Gerichtssaal, Notkirche, Hochzeitshalle, Versammlungsstätte, Wahllokal, Zukunftswerkstatt, Impfzentrum und vieles mehr. „Wenn diese Wände hier reden könnten, sie hätten uns über die Geschichte unserer Stadt viel zu berichten“, würdigte Jenne auch das unermüdliche Engagement von Fritz Kendel, der den „schönsten Kulturort in Südbaden“ in den 1970er-Jahren vor dem Abriss bewahrte habe.   

Grußworte
Grußworte überbrachte der katholische Stadtpfarrer Herbert Rochlitz für die Religionsgemeinschaften, der 17-jährige, türkischstämmige Baran Öztürk für die Jugend, Vorsitzende Gabriela Beckmann für den Gewerbeverein Emmendingen und „EU“-Stadtrat Oscar Guidone für die ausländischen Mitbürger. Der Empfang wurde von einem Blechbläserensemble der Stadtmusik unter Leitung von Stephan Rinklin umrahmt. Beim anschließenden Stehempfang wurden die Gäste von Gesangverein Mundingen bewirtet. Thomas Gaess