Beitrag Detail

„Dabei zu sein ist ein riesiges Erlebnis“

Aaron Striegel und Tobias Bühler fahren zur Berufsolympiade nach Kasan

Die beiden SICK-Mitarbeiter Aaron Striegel aus Sasbach und Tobias Bühler aus Endingen-Königschaffhausen werden Deutschland bei der Berufsweltmeisterschaft „World Skills" vom 22. bis 27. August im russischen Kasan vertreten. WZO-Redakteur Detlef Berger sprach im Vorfeld der Meisterschaft im Waldkircher Gisela-Sick-Bildungshaus mit den beiden Teilnehmern vom Kaiserstuhl. 

In einem wahren Herzschlagfinale hatte Elektroniker Aaron Striegel Anfang des Jahres im Rahmen von „Jugend forscht“ in Freiburg den Deutschen Meistertitel der Elektroniker für sich entschieden. Die Teilnehmenden mussten während des anspruchsvollen Wettbewerbs ihre fachliche Extraklasse beim Lösen berufstypischer Aufgaben unter Beweis stellen. Die Schwerpunkte lagen in den Bereichen: Schaltungsentwicklung, Mikrocontrollerprogrammierung, Fehlersuche sowie Aufbau einer Prototypenschaltung.

Mit dem Titelgewinn löste der 20-Jährige auch sein Ticket zu den diesjährige Berufsolympiade „World Skills“ in Kasan. „Die Wettbewerbsinhalte ähneln Aufgaben, die in Zwischen- bzw. Abschlussprüfungen gestellt werden, aber verlangen natürlich auch Kenntnisse, wie sie die Nachwuchskräfte im beruflichen Alltag benötigen. Der besondere Kick liegt in der Wettbewerbsumgebung: Aufgaben unter Zeitdruck und den wachsamen Augen von Zuschauern, Experten und Jurymitgliedern zu lösen, erfordert Nerven wie Drahtseile. Eine gute Vorbereitung ist das A und O“, erklärt Julian Sütterlin, Ausbilder bei der SICK AG aus Denzlingen, gleichzeitig auch Bundestrainer von „World Skills Germany“ und damit für die südbadischen Teilnehmer im Bereich „Industrieelektroniker“ verantwortlich.

Die Aufregung steigt

Am 19. August fliegt die 39-köpfige deutsche Nationalmannschaft von Frankfurt aus ins 3.357 Kilometer entfernte Kasan. Insgesamt werden rund 100 Personen von „World Skills Germany“ nach Russland reisen. Mittendrin dabei sind die beiden hochmotivierten Top-Fachkräfte vom Kaiserstuhl. „Die Aufregung steigt langsam. Es ist uns eine Ehre, Deutschland, den Kaiserstuhl und die SICK AG bei der Weltmeisterschaft vertreten zu dürfen. Jetzt darf es allmählich los gehen“, so die beiden Kaiserstühler voller Vorfreude aber auch mit einer großen Portion „Aufregung im Gepäck“. Als große Unterstützung wird zum nunmehr neunten Mal auch SICK-Stiftungsvorsitzende Gisela-Sick-Glaser, Tochter von Firmengründer Dr. Erwin Sick und Gisela Sick, die Reise mit zu den Berufsweltmeisterschaften mitmachen. Seit 1999 begleitet sie regelmäßig die SICK-Teilnehmer zu den „World Skills“, sponsert den „Deutschen Abend“ und finanziert die gesamten Reisekosten der SICK-Teilnehmer- von Kanada und Südkorea über London und Sao Paulo bis nach St. Gallen, Abu Dhabi und nunmehr auch in Kasan. Sie erinnerte sich noch gerne an den ersten Weltmeistertitel von Industrieelektroniker Simon Trautmann (Reute) 1997 in St. Gallen. Es folgte eine weitere Goldmedaille 2001 in Seoul von Industrieelektroniker Martin Grafmüller. „Die bisherigen Teilnehmer erzählen Feuer und Flamme von deren Erlebnissen bei den World Skills“, so Sick-Glaser. Natürlich habe man sich mit einigen früheren SICK-Teilnehmern im Vorfeld auch ausgetauscht, „um sich besser auf die ungewöhnlichen Gegebenheiten vor Ort einstellen zu können“, so Aaron, der bereits 2017 in Abu Dhabi dabei war. Alle bisherigen Teilnehmer seien mittlerweile in führenden Positionen beim Sensorenhersteller und Weltmarktführer, so Sick-Glaser.

Eigene Grenzen unter Zeitdruck ausloten

„Damals wurde mein Feuer für diesen Wettbewerb entzündet. Dabei zu sein ist ein riesiges Erlebnis“. „Seine eigenen Grenzen unter immensem Druck auszuloten, ist der besondere Reiz dieser Weltmeisterschaft“, so Tobias. „Ich habe so viel dafür getan, meine Leistung unter Druck zu bringen zu können und mich mit den Teilnehmern aus insgesamt 24 Ländern auf Champions-League-Niveau zu messen. Das ist einfach unbeschreiblich“, ergänzte Aaron. Bei der Weltmeisterschaft der Berufe treten in Russland über 1.350 junge Fachkräfte aus über 60 Ländern aufeinander. Als „berufliche Leistungssportler“ gehen sie in Kasan in 56 Disziplinen bis an ihr Limit. Die Siegehrung wird in der Kasan WM-Arena“ unter freiem Himmel stattfinden. Dort wurden übrigens auch Spiele der Fußball-WM 2018 mit deutscher Beteiligung ausgetragen. Auch Staatspräsident Putin habe sich angekündigt, berichteten die SICK-Verantwortlichen um Ausbildungschef Philipp Burger. Für die WM wurde extra ein Expo-Gelände mit einer Größe von fast 75 Hektar (!) direkt neben dem Flugplatz errichtet. Dies zeigt sicherlich den Stellenwert dieser Berufsolympiade. Vor alle auf den Austausch mit den Fachkräften aus aller Welt im „Olympischen Dorf“ freuen sich die beiden Nachwuchshoffnungen besonders.

Top-10-Platzierung als Ziel

Neben einer sehr aufwendigen und zeitintensiven Vorbereitung sei auch eine gute Portion Eigeninitiative, Gelassenheit, Ruhe und Selbstdisziplin notwendig, wenn man im vorderen Drittel dabei sein will, weiß Bundestrainer Sütterlin. Ein „Top-10-Platz“ hat sich der vor Ehrgeiz brennende Aaron aber schon vorgenommen. Vor allem die asiatische Konkurrenz schätzten die Beiden sehr stark ein. Diese hätten sich die letzten zwei Jahre praktisch nur noch auf diesen Wettbewerb vorbereitet. Diese gehe in Deutschland parallel zu einer anspruchsvollen Ausbildung/Duales Studium natürlich nicht in dieser Form. Im SICK-Betriebsrestaurant habe man mehrmals unter Realbedingungen mehrfach trainiert, so die beiden Teilnehmer. Dabei sei es darum gegangen, ungeachtet von Lärm und Reizüberflutung dennoch fokussiert, flexibel und strukturiert unter Zeitdruck seine Aufgabe zu absolvieren. In Kasan wird die Beiden ein noch viel höherer Lärmpegel erwarten, ganz zu Schweigen von den vielen Zuschauern, strengen Jurymitgliedern und Fernsehkameras. Im Großen und Ganzen kenne er die Aufgabenbestandteile vor Ort, berichtet Aaron, Elektriker für Geräte und Systeme. Es gehe u.a. im Bereich „Industrie 4.0“ um eine hochkomplexe Schaltungsentwicklung, dazu komme eine klassische Fehlersuche sowie eine hochkomplizierte Mikrocontrollerprogrammierung von elektronischen Systemen auf Ingenieursniveau. Welche Maschinen, Werkzeuge, Pläne usw. man vor Ort dann schließlich vorfindet, wissen die beiden Kaiserstühler wohl erst dann, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz in dieser gigantischen Halle sitzen. Der gesamte Wettbewerb laufe indes in englischer Sprache ab.

Gigantische Persönlichkeitsentwicklung

Tobias, der an der DH in Karlsruhe im zweiten Semester Informationstechnik studiert und kürzlich seine Prüfung mit Bravour bestanden hat, tritt in einem IT-Teamwettbewerb „Industrie 4.0“ zusammen mit Mechatroniker Mark Lattwein aus dem Saarland an. Diese „Pionierwettbewerb“ finde zum ersten Mal im Rahmen dieser großen Meisterschaft statt, so Sütterlin. Man hoffe, dass dieser Bereich künftig auch ein offizieller „Skills“ wird. Tobias und sein Teampartner müssen u.a. eine Miniproduktionsanlage mit Internet-Anbindung und entsprechender Datensicherheit und eine individuelle und „intelligente“ Fertigungsanlage zur Sensorenprogrammierung anfertigen. „Die persönliche und fachliche Weiterentwicklung der Beiden ist einfach gigantisch. Beide haben die letzten Jahre riesige Schritte gemacht“, so das Lob des Bundestrainers. Bis zu 50 Stunden pro Woche (!) habe Aaron in der finalen Phase für dieses großes Projekt (freiwillig) gearbeitet. Bei Tobias sei es ganz ähnlich, dies
nötige ihm allerhöchsten Respekt ab, ergänzte der Ausbilder sichtlich beeindruckt. Beide seien Vorbilder für alle engagierten Nachwuchskräfte in diesem Bereich. Ein Wunsch haben die beiden Teilnehmer vor dem harten Wettkampf an alle WZO-Leser am Kaiserstuhl und im Elztal: „Drückt uns feste die Daumen in Kasan. Wir geben unser Bestes“.