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„Erstmal zuhören bevor man hilft“

Chiara Walbert hilft Straßenkindern in Uganda – „Afrikanischer Abend“ am 30. November

Seit 2017 engagiert sich die aus Freiamt stammende Chiara Walbert in Uganda. In der Kleinstadt Kisoro betreut sie junge Menschen, die auf der Straße leben und süchtig nach Benzin sind. Mit einem einheimischen Tourist-Guide gründete sie den Verein „Local Kid“ und initiierte vor Ort den Bau eines Kinderhauses.

Frau Walbert, man weiß ja von Straßenkindern, die Kleber schnüffeln, aber Benzin…?
 Ja, in manchen Gegenden in Uganda ist das leider ein Problem. Durch ihre Situation und Lebensumstände werden viele Straßenkinder süchtig. Sie laufen mit Plastikflaschen, die mit Benzin gefüllt sind, herum. Den Sprit klauen sie teilweise aus geparkten Motorrädern. Anders als beim Kleber wird das Zeug nicht geschnüffelt, sondern oft auch direkt getrunken. Entsprechend sind die Kinder in einem schlimmen Zustand. Ihre Lippen sind aufgeplatzt, ihre Gesichter sehen älter aus.

Kaum vorzustellen.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass es Kinder sind. Die meisten sind zwischen neun und elf Jahre alt. Alle haben ein herbes Schicksal. Dennoch sind sie fröhliche Kinder, die gerne spielen und tanzen und Quatsch machen. Zusammen hatten wir viele schöne Momente und eine Menge Spaß. Sie sind alle ‚Kämpfer‘ und die Tatsache, dass sie leben und lachen, zeigt welche Willenskraft und Stärke sie haben.

Für ihr Engagement haben Sie den Verein „Local Kid“ gegründet und im Sommer den Bau eines Kinderhauses initiiert.
Das ist richtig. Die Einrichtung haben wir mit Hilfe von Spenden gebaut. Sie besteht aus zwei Gebäuden, in denen sich zwei Frauen und zwei Freiwillige konstant um die Kinder kümmern. Ich selbst bin so oft da wie es geht. Rund 25 Kids zwischen drei und 16 Jahren werden durchgängig betreut. Die meisten von ihnen sind dauerhaft bei uns, manche kommen tageweise. Bei uns bekommen sie Essen, Trinken und eine Unterkunft. Gleichzeitig versuchen wir, die Kinder auf einen besseren Weg zu bringen. Erstmal müssen wir die Kinder vom Benzin wegbekommen. Verbunden ist das mit Entzugserscheinungen wie Fieber, Bauchkrämpfen und Schüttelfrost. Ziel ist es dann, sie fit für die Schule zu machen.

Und das funktioniert?
Ja, einige unserer Kinder wurden bereits eingeschult. Einen Zwang üben wir nicht aus. Das würde nicht funktionieren. Wichtig ist daher, dass wir authentisch sind und auf ehrliche Weise eine Beziehung zu den Kindern aufbauen und damit auch ihr Vertrauen gewinnen.

Sie sind erst 21 Jahre alt. Wieso kümmert sich eine so junge Frau aus Freiamt um Straßenkinder in Uganda?
2017 habe ich nach dem Abitur einen Freiwilligendienst in Uganda gemacht. Der Dienst selbst war ziemlich unbefriedigend. Aber ich lernte währenddessen einen Tourist-Guide kennengelernt, der mir das wahre Leben dort gezeigt hat. Ich bin so auf das Naturvolk der Batwa gestoßen. Dabei handelt es sich um eine der ältesten Ethnien der Welt. Bis in die 1990er-Jahre lebten deren Stammesmitglieder in den Wäldern Westugandas. Ihre natürliche Mission war es, die dort lebenden Gorillas zu schützen. Dann aber beschloss die Regierung, sie zwangsumzusiedeln, um ein Reservoir zu errichten.

Wohin wurden die Batwa gebracht?
Sie wurden an den Rand der Städte verfrachtet. Weil sie aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen wurden, verloren sie dort die Orientierung. Viele verfielen dem Alkohol. Heute gelten sie als eine der ärmsten Völker der Welt. Viele der Batwa leben in Häusern, die sie aus Müll erbauen. Durch mangelnde Hygiene und Bildung sind sie zunehmend mit HIV infiziert.  Entsprechend gibt es viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben und nun auf der Straße leben. In unserer Einrichtung kümmern wir uns fast ausschließlich um die Kinder der Batwa. Die Batwa wurden oft diskriminiert und überhört, doch versuchen wir die Gesellschaft zu sensibilisieren und einen Zusammenhalt zu stärken.

Wie ging es dann weiter?
Schon während des einjährigen Freiwilligendiensts bin ich an den Wochenenden zu den Batwa, um zu helfen. Auch danach blieb ich in Uganda und fand Freunde, die mir halfen. Wir starteten Nähworkshops, gründeten Fußballteams, gaben Tanzkurse oder machten eine Schweinezucht auf. Tatsächlich wurde der Alkohol zu Nebensache. Dann errichteten wir das Kinderhaus. Plan ist es nun, die Einrichtung autarker zu machen. Aktuell wird der Betrieb ausschließlich durch Spenden finanziert. Vorgesehen sind ein Wassertank, eine Solaranlage für Strom, ein Garten für Obst- und Gemüse sowie die Anschaffung von Tieren.

Wie soll das Ganze finanziert werden?
Am 30. November veranstalten wir mit dem Verein einen Afrikanischen Abend, an dem wir die Arbeit von ‚Local Kid‘ vorstellen, Spenden sammeln und für weitere Mitglieder werben. Die Veranstaltung findet um 18 Uhr im Haus der Stadtmission in Emmendingen statt. Mit den Spenden wollen wir außerdem einen Bus kaufen, mit dem wir durch Deutschland tingeln, um für unsere Sache zu werben. Das Fahrzeug wollen wir außerdem nach Uganda bringen.

Bleibt die Frage, was Sie innerlich antreibt, sich an einem so weit entfernten Platz für Straßenkinder zu engagieren.
Jeder von uns kennt wahrscheinlich das Gefühl, wenn alles zusammenstürzt und man keinen Ausweg sieht. In Europa haben wir das Glück das es immer Hilfe gibt, die Familie, Freunde oder auch der Staat. Die Menschen mit denen wir arbeiten, haben dieses Glück leider nicht und sind wirklich alleine. Leider musste ich oft sehen, dass viele Ausländer zwar helfen wollen, aber anstatt den Bedürftigen zuzuhören immer nur ihren eigenen Willen durchsetzen. Mein Credo ist es, erstmal zuzuhören bevor man hilft. Und liebe ich das Land und die Leute dort.