Beitrag Detail

„Unsere Pflegekräfte sind einfach sensationell!“

Besuchsverbot belastet Pflegeheim-Bewohner – fehlende Schutzausrüstung großes Problem

Immer wieder war in den vergangenen Tagen und Wochen von den „Risikogruppen“ die Rede, für die eine Infektion mit Covid-19 besonders gefährlich ist. Allen voran werden dabei immer Senioren genannt.  Vor eine besondere Herausforderung stellt dies die Seniorenpflegeeinrichtungen. Wir haben stellvertretend mit zwei Einrichtungsleitern in Emmendingen über den neuen Alltag, Maßnahmen und Probleme gesprochen.

„Es sind lange Tage im Moment“, berichtet Michael Kreis, Leiter der Metzger-Gutjahr-Stiftung. Es müsse viel geplant und jede Eventualität in Betracht gezogen werden, zum Schutz der Bewohner aber auch zum Schutz der Mitarbeiter. Die Hygienestandards in Pflegeeinrichtungen seien zwar von vorne herein schon sehr hoch. Jetzt wird überall nochmal eine Schippe draufgelegt. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, wurden bekannterweise Besuche durch Angehörige bis auf absolute Notfälle untersagt.

„Sehr anstrengend“ waren die vergangenen Tage auch für Antje Kössl-Janssen, die Geschäftsführerin des Seniorenzentrums an der Elz in Kollmarsreute und von den Sozialmedizinischen Pflegebetrieben „3sam“ in Freiburg. „Wir mussten parallel noch vier Tagespflegen mit 61 Plätzen und 140 Patienten sowie die Nachtpflege schließen“, erklärt sie. Eine Mammutaufgabe. „Aktuell sind wir froh darüber, dass das Pflegeheim in Kollmarsreute nicht voll besetzt war. So konnten wir die dringenden Fälle nun hier unkompliziert stationär unterbringen.“

Oberstes Ziel sei es, das Virus möglichst aus der Einrichtung fern zu halten. In der Realität rücke es jedoch – wie überall – immer näher. Es lasse sich nicht vermeiden, dass Mitarbeiter in ihrem privaten Umfeld wenn auch nur entfernt Kontakte pflegen. „Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt“, so Michael Kreis. Bei Kontaktverdacht müssten wie überall die Mitarbeiter vorsichtshalber zwei Wochen zuhause bleiben. Das stelle die Einrichtung natürlich auch personell vor Herausforderungen. Hinzu komme die hohe Dunkelziffer an möglichen Corona-Überträgern, die selbst kaum Symptome haben.

Und wenn es doch eine Infektion gäbe? „Unser Krisenstab arbeitet mit Hochdruck daran, die Einrichtung auf ein solches Szenario vorzubereiten“, berichtet Kreis. Die unglaubliche Logistik dahinter fange bei ganz banalen Dingen an. „Im Ernstfall müsst jeder Bewohner in seinem Zimmer bleiben. In jedem Zimmer muss dann ein separater Mülleimer stehen, in dem benutzte Schutzausrüstung entsorgt wird. So viele Mülleimer muss man erst mal ranschaffen“, beschreibt er. Zudem sei es schwer, im Moment an die richtige Schutzausrüstung zu kommen. Im Ernstfall würden die Vorräte rasch schwinden. „Hier im Landkreis Emmendingen unterstützt uns Kreisbrandmeister Christian Leiberich bei der Beschaffung von Schutzmasken, in der Qualität, in der wir sie brauchen, weil wir sonst keine mehr bekämen“, so Michael Kreis.

Auch Antje Kössl-Janssen bestätigt, dass fehlende Schutzausrüstung eines der Hauptprobleme ist. „Wir haben früh Desinfektionsmittel und sogenannte 2R-Masken beschafft. Nach aktuellem Stand brauchen wir aber FFP2-Masken, und an die ist kaum ran zu kommen. Das DRK ist ebenfalls sehr aktiv, um das notwendige Material zu beschaffen“, erklärt sie. Auch Schutzkleidung sei Mangelware.

In der Realität bringen die Maßnahmen, die die Bewohner schützen sollen, noch ganz andere Probleme mit sich. Besuche durch die Angehörigen sind wie bereits erwähnt im Moment nur in Ausnahmefällen erlaubt. Angebote in größeren Gruppen können nicht mehr stattfinden, gemeinsame Kaffeestunden fallen weg. Auch Gottesdienste finden aktuell keine mehr statt. „Das ist für Viele natürlich schlimm. Wir versuchen zwar, unseren Bewohnern durch Einzelangebote etwas Abwechslung zu verschaffen. Aber weil wir auch keine Unterstützung mehr durch Ehrenamtliche haben, sind unsere Kapazitäten hier auch begrenzt“, erklärt Michael Kreis. Im Moment sei die Stimmung noch gut, die Bewohner sehr gelassen. Auch die Angehörigen, die sich verständlicherweise viel telefonisch melden würden, versuche man zu beruhigen. „Aktuell gelingt uns das ganz gut, aber es drückt schon auf die Stimmung.

Die Bewohner emotional aufrecht zu erhalten spiele in der aktuellen Situation eine sehr wichtige Rolle, erklärt Antje Kössl-Janssen: „Besonders bei älteren Menschen kommt es sonst schnell zu Kollateralerkrankungen.“ Besonders das Besuchsverbot umzusetzen sei für die Pflegekräfte oft selbst nur schwer auszuhalten. „Wir haben zum Beispiel eine 90-jährige Person in unserer Einrichtung, deren Partner außerhalb lebt und sie normalerweise jeden Tag besucht. Für die beiden ist das sehr schlimm. Da stehen auch bei uns ab und an die Tränen in den Augen“, erzählt sie. 

Ein großes Lob richtet Kössl-Janssen an die Pflegekräfte: „Die drei Stunden Not-Kinderbetreuung am Tag reichen hinten und vorne nicht, man muss sich teilweise mit hanebüchenen juristischen Regelungen auseinandersetzen und nach Feierabend steht man im Supermarkt vor leeren Regalen. Alle Arbeiten am Limit, halten in der aktuellen Situation aber trotzdem zusammen. Unsere Pflegekräfte sind einfach sensationell.“