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„Keine Bühne für gefährliche Thesen“

Grünen-Stadtratsfraktion will Naidoo-Auftritt beim I EM MUSIC 2021 verhindern – und erhält Unterstützung von vielen Seiten

Xavier Naidoo ist einer der erfolgreichsten Popsänger dieses Landes. Wegen seiner politischen Äußerungen steht der 48-jährige Mannheimer jedoch in der Kritik. Im Sommer 2021 soll er beim I EM MUSIC!-Festival in Emmendingen auftreten. Die Grünen-Stadtratsfraktion will dies verhindern – und erhält Unterstützung von vielen Seiten.

Dass Naidoo ein hervorragender Künstler ist, steht außerhalb der Diskussion. Songs wie „Sie sieht mich nicht“ oder „Dieser Weg“ haften in den Gehörgängen einer ganzen Generation. Seit 1998 wird der Mannheimer jedoch immer wieder wegen seiner Songtexte und seiner öffentlichen Äußerungen kritisiert. Medien bezeichnen sie als verschwörungstheoretisch, fremdenfeindlich, populistisch, rassistisch oder antisemitisch. Im März dieses Jahres veröffentlichte er Videos, in denen er offen mit der Reichsbürgerbewegung sympathisiert und den Klimawandel leugnet. Zuletzt bestritt der Künstler die Existenz der Corona-Pandemie. Seine Hauptband „Söhne Mannheims“, mit denen er 2011 schon einmal in Emmendingen auftrat, hat sich ebenfalls von ihm distanziert.

Um ein Zeichen zu setzen, hatte sich die Stadt Ladenburg im Rhein-Neckar-Kreis vor einigen Monaten offen gegen einen am 15. August geplanten Festivalauftritt des Popsängers gewehrt. Initiiert wurde das Ganze von den Grünen des dortigen Stadtrats. Gefordert wurde die Absage des Auftritts. Unterstützung bekam der Protest sowohl von den anderen Fraktionen als auch vom SPD-Bürgermeister. Das Medienecho schallte über ganz Deutschland. Mit den Worten „Damit bestätigt sich, dass die SPD und die Linke Richtung Faschismus tendiert“, sagte Naidoo den Auftritt schließlich selbst ab. Der Veranstalter reagierte und verlegte das Konzert nach Mannheim in die SAP-Arena.

Die Grünen

Im Juli 2021 soll Xavier Naidoo als Solokünstler im Rahmen des I EM MUSIC-Festival auf dem Schlossplatz auftreten. Eigentlich hätte das Konzert schon diesen Sommer stattfinden sollen, wegen der Corona-Pandemie verschob die Veranstaltungsagentur KAROevents das Ganze um ein Jahr. Ähnlich wie in Ladenburg soll jetzt auch in Emmendingen der Auftritt verhindert werden. Den Stein ins Rollen brachten hier ebenfalls die Grünen. „Die Grüne-Fraktion im Stadtrat bittet die weiteren Fraktionen und alle weiteren gesellschaftlichen Kräfte, sich dem Appell, den Auftritt von Xavier Naidoo zu verhindern, anzuschließen und fordert Oberbürgermeister, den Veranstalter darauf hinzuweisen, dass sich eine finanzielle Förderung mit dem Auftritt nicht vereinbaren lässt“, heißt es dazu in einer Pressemeldung, die letzte Woche erschien.

„Wann sollte man aufbegehren, wann muss man Farbe bekennen, nicht mehr wegschauen, wann ‚Nein‘ sagen oder wann muss die Kunst- und Meinungsfreiheit geschützt sein?“, fragt Fraktionssprecherin Susanne Wienecke in der Mitteilung rhetorisch. Laut der 57-jährigen Wirtschaftswissenschaftlerin, die am Sonntag Oberbürgermeisterin werden will, habe sich Emmendingen „wiederholt öffentlich zur Toleranz und gegen Rassismus bekannt“. Es sei daher „an der Zeit, einem umstrittenen Künstler wie Xavier Naidoo die Bühne als Plattform für seine gefährlichen Thesen zu entziehen“. „Wir bedauern, dass die Zwangspause für das I EM MUSIC!-Festival durch den Veranstalter nicht dazu genutzt wurde, diesen stark umstrittenen Musiker zu ersetzen“, wird in der Pressemitteilung außerdem Fraktionsmitglied Andreas Zai zitiert. Wenn sich sogar die von Naidoo mitbegründete Pop-Akademie und der Fernsehsender RTL gegen ihn wenden, müsse man „genau hinschauen“. Christian Schuldt, ebenfalls für die Grünen im Stadtrat, sieht durchaus Einflussmöglichkeiten der Stadt. Zum einen bezuschusse sie das I EM MUSIC!-Festival jährlich mit 20.000 Euro, zum anderen finde der Auftritt auf einer öffentlichen Fläche statt. „Dabei sollte bedacht werden, dass der Veranstaltungsort sich auf dem Standort der früheren jüdischen Synagoge befindet“, so Schuldt.

Die Reaktionen

Zustimmung bekamen die Grünen letzte Woche von mehreren Seiten. So unterstützt der Verein für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen die Initiative. „Es kann nicht sein, dass in einer Stadt, in der die Bürger in der Vergangenheit in beeindruckender Weise für Vielfalt und Toleranz sowie gegen Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und gegen Verschwörungstheorien öffentlich eingestanden sind, nun ein Musiker auftreten kann, der genau diesem abstrusen Gedankengut anhängt“, schrieb die 1. Vorsitzende Carola Grasse Ende letzte Woche in einer E-Mail. Man wehre sich dagegen, „dass hier rein kommerzielles Interesse zählen soll“. Auf dem Standort der ehemaligen, während der NS-Diktatur von Emmendinger Bürgern zerstörten Synagoge wolle man „keinen Sänger hören, dessen Nähe zu rechtsextremem Gedankengut ihn sehr stark und zu Recht umstritten macht“. Ebenfalls zu Wort meldete sich der Kreisverband des Jungsozialisten der SPD (JUSOS). „Spätestens nach den neuesten Ausfällen Naidoos müssen wir uns als Stadtgemeinde fragen, ob wir derartigem Gedankengut eine Bühne bieten wollen“, machte die Vorsitzende Verena Bossler deutlich. Daher fordere man als JUSOS eine „endgültige Absage des Auftritts“.

Schon vor einigen Wochen hatten die Grünen in einer Stadtratssitzung das Thema erstmals zur Sprache gebracht. OB Stefan Schlatterer hatte damals darauf hingewiesen, dass die Angelegenheit letztlich „Sache des Veranstalters“ sei. Aufgrund der jüngsten Entwicklung positionierten sich der Rathauschef und seine Stadtverwaltung nun ebenfalls klar. Am Montag gab das Rathaus eine Stellungnahme heraus, in der man sich gegen den Auftritt von Naidoo ausspricht. „Wir werden es nicht zulassen, dass Rechtsextremismus oder Rassismus, Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit unser friedliches Miteinander bedrohen!“, wird Schlatterer darin zitiert. Im Februar habe er anlässlich des rassistisch motivierten Attentats in Hanau und der Hakenkreuzschmierereien an der Emmendinger Moschee und im Stadtgebiet eine Mahnwache organisiert. Insofern passe es nicht zu Emmendingen, dass Naidoo, der mehrfach mit rassistischen und rechtspopulistischen Aussagen aufgefallen ist, in der Stadt auftritt – „erst recht nicht auf dem Platz der zerstörten Synagoge“. Die Stadt finanziere die Konzertreihe „I EM Music“ der Veranstaltungsfirma KAROEVENTS bislang mit jährlich 20.000 Euro aus Mitteln des Stadtmarketings. Aufgrund der Corona-bedingten Steuereinbußen und der bevorstehenden Rezession stünden aktuell alle Freiwilligkeitsleitungen der Stadt Emmendingen auf dem Prüfstand. Der Stadtrat werde sich im Rahmen der Haushaltsberatungen auch mit den Zuschüssen beschäftigen. Gestern zog der SPD-Ortsverein mit einer Stellungnahme nach. Auch sie fordert Veranstalter und Verantwortliche dazu auf, den Auftritt zu überprüfen.

Der Veranstalter

Bleibt die Frage nach der Rolle des Veranstalters. Schon lange schon organisiert KAROevents das „I EM MUSIC!“-Festival. Jahr für Jahr holt die Agentur aus Teningen bekannte Künstler in die Stadt, mietet dafür den Schlossplatz und trägt damit auch das finanzielle Risiko. Nach den jüngsten Entwicklungen sitzt man nun zwischen den Stühlen. Einerseits muss man den Vertrag mit Xavier Naidoo erfüllen. Juristisch gesehen gibt es keine Handhabe für eine Absage. Anderseits sieht sich KAROevents nun einem politischen und gesellschaftlichen Willen gegenüber. Christoph Römmler, Chef der Veranstaltungsagentur, sagte am Montag am Telefon, dass er mit allen Beteiligten Kontakt aufgenommen habe. Man stehe in persönlichem Austausch.