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„Ein Grund für Erleichterung und Freude“

Nach 42 Jahren Betrieb wird das Atomkraftwerk Fessenheim am 30. Juni abgeschaltet

Nach jahrelangen Verzögerungen wird das älteste französische Atomkraftwerk Fessenheim, in dem es immer wieder zu Störungen und Pannen gekommen war, am 30. Juni vollständig stillgelegt. Nachdem Reaktor I bereits am 22. Februar abgeschaltet wurde, folgt jetzt auch Reaktor II. Die Geschichte des Atomkraftwerks Fessenheim ist untrennbar verbunden mit dem Widerstand dagegen.

Bereits im Jahr 1962 schlug die Électricité de France (EDF) erstmals den Bau eines Kernkraftwerks in Fessenheim vor. Die Pläne für das AKW im Erdbebengebiet am Oberrhein sahen zunächst gasgekühlte, graphitmoderierte Reaktoren vor. Gebaut wurden letztendlich aber Druckwasserreaktoren. Mit dem Bau von Block I wurde am 1. September 1971 begonnen, Baustart von Block II war der 1. Februar 1972. Ursprünglich war auf dem Gelände der Bau von vier Reaktoren vorgesehen, erst 1991 wurde der Bau der Blöcke III und IV endgültig ad acta gelegt. Die Kernspaltungen begannen am 7. März beziehungsweise 27. Juni 1977. Der kommerzielle Betrieb begann 1978.

 „Schon in der Planungsphase gab es eine Anti-Atombewegung im Elsass, die erst später aus Frankreich nach Südbaden und in die Nord-Schweiz getragen wurde“, erklärt Axel Mayer, der als Geschäftsführer dem BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein jahrzehntelang vorstand. Die erste Demonstration gegen ein französisches AKW fand am 12. April 1971 in Fessenheim statt. „Die gesellschaftliche Stimmung im Deutschland der 60er Jahre war noch von unbegrenztem Wachstum und Fortschrittsglaube geprägt.“ Doch um 1970 sei die Öffentlichkeit kritischer geworden, auch zum Thema Atomkraft gab es viele unterschiedliche Meinungen. Christoph Gurlitt, der Organisator der Endinger Mahnwache, erinnert sich, dass damals in seinem Physikstudium „immer von sauberer Energie gesprochen wurde, die Gefahren aber meist ausgeblendet wurden.“ Mayer sagt im Rückblick, dass auch er selbst anfangs ein AKW-Befürworter gewesen sei. Doch als er 1974 zur Umweltbewegung hinzu gestoßen sei und in Marckolsheim gegen den Bau eines hochgiftigen Bleiwerks demonstriert habe, sei er erst auf die Gefahren eines AKW aufmerksam geworden. Er informierte sich detailliert. Die Umweltbewegung habe in dieser Zeit einen Höhepunkt gehabt. Die Proteste in Marckolsheim wie auch gegen den Bau des AKW in Wyhl seien auch von bürgerlich-konservativen Menschen getragen worden. „Studierende brachten dazu viel Fachwissen rein. Es war das richtige Mischverhältnis“, sagt Mayer. Wichtig beim grenzüberschreitenden Widerstand damals sei die Einbindung der Regionalkultur auf beiden Seiten des Rheins gewesen. Mayer: „Es gab Liveauftritte vor Ort, passende Lieder und Gedichte und vieles mehr.“

Bekanntermaßen waren die Proteste und Bauplatzbesetzungen der Menschen in Wyhl und Marckolsheim vom Erfolg gekrönt. „Weniger bekannt ist, dass damals auch weitere AKW im Elsass und in der Schweiz bei Basel verhindert wurden“, so Mayer. Die Anti-Atomkraftbewegung sei sehr stark gewesen. In Frankreich in Malleville ging die Polizei mit brutaler Härte gegen die Proteste vor, „das warf die Bewegung dort zurück.“ Die Verhinderung des AKW-Baubeginns in Fessenheim war den Aktivisten der Umweltbewegung jedoch nicht mehr möglich. „Das Gebiet war früh hermetisch abgeriegelt und gesichert, Widerstand mit Besetzung des Platzes wie in Wyhl war undenkbar“, erklärt Mayer. Im März 1977 wurde in der Gemeinde Heiteren die Baustelle des letzten noch nicht fertig gestellten Hochspannungsmastes für die Stromleitung des in Fessenheim produzierten Atomstroms besetzt. Das, und auch der große Hungerstreik französischer Umweltschützer in Roggenhouse, konnte die Inbetriebnahme des AKW nicht verhindern. Einen kleinen Erfolg gab es dennoch. „Mit den Aktionen wurde die Gründung der ersten französischen Kontrollkommission erzwungen.“ Einen großen Erfolg erzielten die Atomkraftgegner 1977: Die elsässisch-badische Bevölkerung verhinderte mit einer Bauplatzbesetzung den Bau des AKW Gerstheim bei Straßburg.

Gefahren seit der Inbetriebnahme

Mit der Inbetriebnahme des AKW Fessenheim im Jahr 1977 begann die große Gefahr für die Menschen am Oberrhein. Mayer: „Menschen starben bei der Gewinnung von Uranerz. Über den Schornstein und das Abwasser wurde ständig Radioaktivität abgegeben.“ Und mit der Inbetriebnahme begann eine schier unendliche Kette von technischen Problemen, Schlampereien, und Störfällen im AKW Fessenheim. „Damals hieß es von Politik und Konzernen, dass ein schwerer Atomunfall einmal in einer Million Jahre vorkomme – die Geschichte bewies leider schnell, dass eine Million Jahre schnell vergehen können“, sagt Mayer. Bereits am 28. März 1979 ereignete sich im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania ein schwerer Atomunfall. Teile eines Reaktorkerns schmolzen, radioaktiver Dampf und Wasser drangen nach außen.

In Fessenheim selbst gab es schon relativ früh Risse im Reaktor, der Deckel musste ausgetauscht werden. „Das wurde im Rahmen einer 10-Jahres-Inspektion zunächst übersehen“, so Mayer. Nur weil bei einem ähnlich gebauten AKW in Frankreich ein solcher Schaden entdeckt wurde, sei auch bei einer Nachprüfung in Fessenheim das Problem ersichtlich geworden. Allein zwischen den Jahren 1989 bis 2008 kam es im AKW Fessenheim zu über 200 Zwischenfällen, die gemäß der deutschen Strahlenschutzverordnung meldepflichtig gewesen wären. Ein gefährlicher Zwischenfall ereignete sich beispielsweise auch am 9. April 2014, als durch die unsachgemäße Befüllung eines Wasserreservoirs mehrere Bereiche des Kraftwerks mit Wasser überflutet wurden.

Mayer kritisiert ebenso wie Gurlitt, dass angesichts der Gefahren, die vom AKW Fessenheim über Jahrzehnte ausgingen, der Katastrophenschutz „nie ernsthaft betrieben“ worden sei. Man müsse sich überlegen, dass in Fessenheim jedes Jahr radioaktives Material entstand, das für 1.800 Hiroshimabomben ausreichen würde. „Durch einen Dammbruch könnten die elektrischen Anlagen des AKW zerstört werden, es liegt mitten in einem Erdbebengebiet, außerdem ist es nur unzureichend gegen militärische oder terroristische Angriffe geschützt“, betont Mayer. Bei einem GAU müsste die Bevölkerung bis Stuttgart evakuiert werden. In einem Umkreis von 30 Kilometern um das AKW Fessenheim lebten rund 930.000 Menschen. Unter diesen Voraussetzungen sei mehr als bedenklich, wenn über all die Jahre keine ernsthaften Übungen für solche Fälle betrieben wurden. „Die Katastrophenschutzpläne in Deutschland waren anfangs sogar geheim“, sagt Gurlitt. „Erst durch eine Art frühen Whistleblower kamen Pläne vom Landratsamt Lörrach dazu an die Öffentlichkeit“, ergänzt Mayer. Dass die Pläne nicht funktioniert hätten, sei jedem bei Sichtung klar gewesen.

Widerstand und Atomkraft-Alternativen

Zwischen 1971 und 2020 gab und gibt es einen massiven, langsam und kontinuierlich anschwellenden Protest im Elsass, in Südbaden und der Schweiz gegen das AKW Fessenheim. „Anti-Atom-Protest war und ist auch ein wichtiger Teil der alemannischen Regionalkultur“, erklärt Mayer. 1977 wurde als deutsch-französisches Projekt der illegale Piratensender Radio Verte Fessenheim gegründet, aus dem später Radio Dreyeckland wurde. Hunderttausende von Flyern, Bannern, Aufklebern und Ansteckern wurden produziert und verteilt. Aktivisten wie beispielsweise Gustav Rosa, der in Breisach rund 480 Mahnwachen mit französischer und schweizerischer Beteiligung abhielt, steckten unendlich viel Herzblut und Zeit in den Kampf gegen Atomkraftwerke. „Ich kann nur immer wieder betonen, wie gut die Zusammenarbeit mit französischen Bürgerinitiativen und Verbänden wie Sortir du nucléaire und dem TRAS in Basel über all die Jahre war“, sagt Mayer. Mit Presseerklärungen, Büchern, Broschüren und Newslettern wurde die Bevölkerung informiert, die Partei der Grünen entstand aus der Umweltbewegung heraus.

Das grenzüberschreitende "Nai hämmer gsait" zur Atomkraft genügte den Aktiven nicht. Gurlitt: „Es ging nicht nur um das Nein zu AKWs, sondern auch um saubere Alternativen.“ Bereits im Sommer 1976 veranstalteten die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen (BI) und der damals frisch gegründete BUND die weltweit erste Ausstellung zu alternativen Energien in Sasbach am Kaiserstuhl. Diese sei zwar im ganz kleinen Stil gewesen, die Veranstaltung wuchs aber in den folgenden Jahren und wanderte nach Freiburg. Sie wurde zur heutigen Intersolar. „Anfangs hieß es mit alternativen Energien könnten nur drei Prozent abgedeckt werden. Im ersten Quartal 2020 lagen die Erneuerbaren bei 55 Prozent-Anteil an der Nettostromerzeugung“, erklärt Gurlitt. Hätte man schon in den 70er Jahren mehr Geld in die Forschung alternativer Energien gesteckt anstatt in AKW, dann hätte man viel mehr erreichen können.

Wendepunkte Tschernobyl und Fukushima

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor IV des Atomkraftwerks von Tschernobyl (Ukraine). Als Folge bildete sich eine riesige radioaktive Wolke. 70 Prozent dieser radioaktiven Wolke gingen in dem nördlich von Tschernobyl gelegenen Weißrussland nieder. Nachdem die radioaktiven Gase in eine Höhe von 2.000 Metern aufgestiegen waren, bildeten sich drei Teilwolken, die sich über Skandinavien, Mitteleuropa und den Balkanländern in Regenschauern entluden. „Die Katastrophe war eine Bestätigung für den Widerstand, jetzt begannen auch viele AKW-Befürworter umzudenken“, erinnert sich Mayer. Gurlitt sagt, dass man dies lokal auch gut in Wyhl beobachten konnte, wo bis dahin die Pläne für ein AKW noch nicht endgültig gestorben gewesen seien. Immer mehr Menschen setzten sich mit der Gefahr auseinander, die auch von Fessenheim ausging. In den 90er Jahren ging der Prozess weiter. Die Demos und Aktionen seien über all die Jahrzehnte friedlich, konstruktiv und grenzüberschreitend gewesen, betonen Mayer und Gurlitt. 2009 beispielsweise sei Colmar im Zuge einer großen Demo gegen das AKW Fessenheim wie eine Festung abgeriegelt worden. „Von Seiten der AKW-Befürworter wurde versucht, Nationalismen zu schüren, das hat aber nicht funktioniert.“

Das entscheidende Ereignis, um die Abschaltung des AKW Fessenheim auch politisch voranzutreiben, war die Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 nach einem Erdbeben und Tsunami. Vier von sechs Reaktorblöcken des japanischen Kernkraftwerks wurden in Folge zerstört. Mayer erinnert daran, dass bis zu dieser Katastrophe der Ausstieg vom Atomausstieg in Deutschland vorangetrieben wurde. „Der Widerstand hier war gut aufgestellt, im Gegensatz zu anderen Ländern mussten wir nicht bei null anfangen, um für den endgültigen Atomkraft-Ausstieg zu kämpfen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel habe schnell realisiert, dass sich mit Fukushima der Wind gedreht hatte und die große Mehrheit der Bevölkerung den Atomkraft-Ausstieg wollte. Kurz nach der japanischen Atomkatastrophe kam mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in Baden-Württemberg ins Amt. „Auch er brachte ein weiteres Umdenken in der Politik bezüglich Atomkraft“, sagt Gurlitt, der mit der Endinger Mahnwache und Gleichgesinnten am Oberrhein seit Fukushima monatlich wichtige Zeichen gegen Atomkraft und Fessenheim setzte. Auf der anderen Seite des Rheins hingegen wurde François Hollande im Jahr 2012 Staatspräsident. Zu den Wahlversprechen des Politikers von der Sozialistischen Partei gehörte die Abschaltung Fessenheims.

Jahrelange Hängepartie

Doch die folgenden acht Jahre wurden zur Hängepartie. Hollande wollte das AKW Fessenheim bis 2016 vom Netz nehmen, hielt sein Versprechen aber nicht. „Insgesamt wurden acht Termine für die Abschaltung des AKW Fessenheim genannt, es war ein Wechselbad der Gefühle“, sagt Mayer über diese Zeit. Sowohl Deutschland als auch die Schweiz übten jahrelang politischen Druck aus, um die Abschaltung zu erwirken. Auch die regionale und kommunale Politik setzte Impulse. „In den letzten zehn Jahren spielte Freiburgs Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer eine große Rolle bei der Abschaltung von Fessenheim“, lobt Mayer. Immer mehr Kommunen traten auch dem Trinationalen Atomschutzverband (TRAS) bei. Gurlitt sagt dazu, dass auch die Landratsämter konstruktive Gesprächspartner gewesen seien, etwa wenn eine Anti-AKW-Demo angemeldet wurde. „Das war früher ganz anders und durchaus schwierig.“ Er meint, dass auch das EU-Parlament beim Thema Atomausstieg bereits früh viel weiter war als die nationalen Regierungen. Letztendlich war es Hollandes Nachfolger Emmanuel Macron, der die Abschaltungspläne tatsächlich unumkehrbar umsetzte.

Abschaltung und Zukunft

Die Abschaltung des 900-Megawatt-Druckwasserreaktors vom Block I im AKW Fessenheim erfolgte am 22. Februar. „Nach den Erfahrungen der Vorjahre waren wir skeptisch und haben nur einen Piccolo aufgemacht“, sagt Mayer augenzwinkernd. Die Sektkorken würden definitiv erst am 30. Juni knallen, wenn auch Reaktor II stillgelegt werde. „Die Reaktor-Schließung ist kein Anlass für Triumph, gibt der Region am Oberrhein aber ein wenig mehr Sicherheit und ist Grund für Erleichterung und Freude“, erklärt Mayer, der auch TRAS-Vizepräsident ist. Am 30. Juni werde es Corona-bedingt statt eines großen Festes verschiedene kleine Aktionen geben.

Die jahrzehntelangen Proteste der Menschen gegen das AKW Fessenheim hätten zwar eine gewisse Rolle gespielt bei der Abschaltung, meinen Gurlitt und Mayer im Rückblick. Für entscheidender halten beide aber letztendlich wirtschaftliche Faktoren. Mayer weist darauf hin, dass die EDF stark verschuldet sei. „Ihre Aktie ist im Keller, die Märkte wenden sich ab von der Kernenergie.“  Ihre vielen AKWs liefen zwar noch, seien aber alt und störanfällig. „In die Zukunft wurde nicht genügend investiert.“ Mittlerweile seien nicht nur die ökologischen, sondern auch die ökonomischen Argumente auf der Seite der AKW-Gegner. Sonnenenergie sei mittlerweile billiger als Strom aus neuen AKW. Verständnis haben Gurlitt und Mayer durchaus für die Beschäftigten des AKW Fessenheim, aber auch die Kommunen, die den Verlust von Arbeitsplätzen beklagen. „Man hat sich zu lange nicht auf die Abschaltung vorbereitet.“ Aber der Abriss schaffe in den nächsten 10 bis 20 Jahren viele Arbeitsplätze, was angesichts der hohen französischen Arbeitslosenquote wichtig sei. Und: „Frankreich hat gute Voraussetzungen für alternative Energien, es hat viel Sonne und Wind.“

Ende gut, alles gut in Fessenheim ab dem 30. Juni? So einfach ist es leider nicht. Sorge bereitet Mayer, dass es nur geringe Rücklagen für den Rückbau des AKW auf Seiten der EDF gebe. „Ein Billigabbruch muss verhindert werden. Die Gefahr eines Super-GAUs sei mit der Abschaltung von beiden Reaktoren erstmals beendet. Aber nach der Abschaltung beider Reaktoren bleibe die Gefahr eines schweren Atomunfalls noch drei bis vier Jahre bestehen, bis auch die schlecht gesicherten "Abklingbecken" entleert seien. „Man muss schauen, dass beim Abbruch keine Radioaktivität austritt“, sagt Gurlitt. Gemeinsam mit den französischen Freunden wolle man den Prozess aufmerksam begleiten. Nicht zu vergessen sei: „Der in Fessenheim produzierte Atommüll wird noch rund eine Million Jahre strahlen und unzählige Generationen gefährden.“ Die Füße hochlegen wird die Umweltbewegung auch nach den Erfolgen in Wyhl, Gerstheim, Kaiseraugst und Fessenheim nicht – in ihren Fokus rücken nicht zuletzt die maroden schweizerischen AKW in Beznau und Leibstadt.