Beitrag Detail

Essen für die, die gar nichts haben

In Kenia hat Corona verheerende humanitäre Auswirkungen – Monika Hauser im Gespräch

Über die Auswirkungen von Corona auf das Gesundheitssystem und die Deutsche und die Europäische Wirtschaft wird viel Diskutiert. Wie es in den Entwicklungsländern aussieht, spielt im Gros der öffentlichen Debatte weniger eine Rolle. Ines Heiny hat bei Monika Hauser, die sich privat und über den Verein Asante in Kenia engagiert, nachgefragt.

Bei einem ersten Gespräch zu Beginn der Pandemie im März hatte Monika Hauser noch schlimme Befürchtungen über die möglichen Ausmaße, da das Gesundheitssystem in Kenia kaum eine Versorgung für die ärmere Bevölkerung garantiert. Der aktuelle Stand überrascht sie selbst etwas. „Die Infektionszahlen sind längst nicht so hoch, wie wir das vermutet hatten“, meint sie. Bis Mitte dieser Woche hatten sich laut offiziellen Zahlen bei einer Bevölkerungszahl von 51,4 Millionen in Kenia rund 34.500 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Verstorben sind „nur“ 581 Personen. Verglichen mit Deutschland (rund 255.000 Infizierte, 9.400 Todesfälle) ist das tatsächlich wenig. „Der Peak war im Juli. Die meisten Fälle wurden aus der Hauptstadt Nairobi gemeldet, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Auf dem Land und auch in den touristischen Küstenregionen gab es kaum gemeldete Infektionen“, berichtet Monika Hauser. Ob diese Zahlen allerdings korrekt seien, da können auch sie nur spekulieren. „Die Meinungen in unserem Bekanntenkreis dort gehen auseinander. Die einen meinen, die Dunkelziffer könnte hoch sein. Wieder andere vermuten, dass die Zahl tatsächlich niedriger ist und künstlich erhöht wird, um Fördergelder zu bekommen.“ Was nun stimmt, das könne man nur raten.

Die eigentlichen gravierenden Auswirkungen der Corona-Pandemie betreffen in Kenia die Wirtschaft. Durch die weltweiten Reiseeinschränkungen brach zunächst die Tourismusindustrie zusammen. Tausende wurden von heute auf morgen arbeitslos, soziale Sicherungssysteme wie in Deutschland gibt es nicht. Zudem verhängte der Staat auch ein Reiseverbot zwischen inländischen Städten und Regionen. „Wer noch arbeiten durfte, erreichte so nicht seinen Arbeitsplatz, wenn dieser im Nachbarort lag“, beschreibt Monika Hauser. Diese Beschränkung sei zum Glück seit dem 6. Juli wieder aufgehoben. Gaststätten müssen momentan jedoch immer noch um 19 Uhr schließen und dürfen keinen Alkohol verkaufen, zudem gibt es eine strenge Ausgangssperre zwischen 21 und 4 Uhr. Für die arme Bevölkerung ist die Maskenpflicht im öffentlichen Raum ebenfalls eine Herausforderung: Einfache Halstücher werden als Mund- und Nasenschutz von der Polizei nicht toleriert – wer keine Maske besitzt, kann sich nicht frei bewegen und auch nicht einkaufen.

Einkaufen – für uns eine Selbstverständlichkeit, für viele Familien in Kenia ist das aber kaum möglich. Denn sie haben schlichtweg kein Geld für das Nötigste. „Der dort herrschende Hunger ist verheerend“, berichtet Monika Hauser. Ihr Verein Asante betreibt in normalen Zeiten eine Schule in Tiwi und übernimmt zudem Schulspeisungen auch an anderen Schulen im Umkreis. Der Unterricht ist immer noch eingestellt, er wird vermutlich auch von 2021 nicht wieder aufgenommen. „Hunderttausende von Lehrern hungern inzwischen keniaweit und mit ihnen die Schulkinder all dieser Schulen“, berichtet die Gründerin von Asante, Schulleiterin Christine Rottland. Deshalb konzentriert der Verein nun die freien Kapazitäten darauf, die Kindern und Familien in ihrem Einzugsgebiet mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen - 730 von Asante geförderte Patenkinder, 560 Kinder an der Staatlichen Grundschule Mwamivi, 53 Kleinkinder mit Infantiler Zerebralparese (Bewegungsstörung durch frühkindliche Hirnschädigung), 48 junge Mütter und ihren Neugeborene sowie 200 bedürftige Eltern und Großeltern für die es sonst keinerlei Hilfe gäbe. Fünf Mal konnte der Verein seit Beginn der Pandemie diese Unterstützung leisten, rund 80.000 Euro er mit Spenden aus ganz Deutschland dafür aufgebracht. „Mit der Lebensmittelausgabe von Asante können wir trotzdem leider nur das Allernötigste abdecken. Christine Rottland erzählt mir in unseren Gesprächen immer wieder, wie herzzerreißend es ist, dabei zusehen zu müssen, wie die Menschen von Mal zu Mal weniger werden“, berichtet Monika Hauser.

Eine der Spenden für Asante kam aus der Zahnarztpraxis Knickenberg in Endingen: Jonas Knickenberg spendete den Erlös des alten Zahngoldes, welches die Patienten der Praxis für den guten Zweck überlassen haben. Die 2.047 Euro werden im Rahmen der Arbeit von Asante für die Unterstützung der Kinder mit Zerebralparese und ihre Familien verwendet. Weitere Mittel kamen durch den Verkauf von Flaggen in Kooperation mit KinzigWolf zustande, für die Monika Hauser ein Motiv gestaltet hatte. Außerdem konnte Manika Hauser Anfang des Jahres Mitstreiter für Asante in Endingen finden. „Doris und Thomas Frieden haben sich nach einem Zeitungsartikel gemeldet und sind seither sehr aktiv. Sie leisten tolle Arbeit“, freut sie sich. 

Neben der Vereinsarbeit waren Monika und Wolfgang Hauser in den vergangenen Jahren auch privat engagiert (wir berichteten). Viele Freundschaften und Verbindungen zu Einheimischen sind so entstanden. Bisher lag ihr Fokus auf der nachhaltigen Förderung von Bildung, doch auch ihr Fokus hat sich mit Corona auf die Grundversorgung verlagert. „Unser Freund Justus, der 20 verstoßenen Mädchen ein zuhause gibt, hat uns von den Zuständen in seinem Dorf berichtet. Internationale Hilfsgelder kommen nicht dort an, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Uns war klar, wir müssen etwas tun“, erklärt Monika Hauser. Sie schrieb Ihr Netzwerk aus Freunden und Bekannten an, und viele kamen dem Spendenaufruf nach. So wurde es möglich, 75 weitere Familien zu unterstützen. „Wir schicken Justus monatlich 500 Euro. Davon kauft und verteilt er Maismehl, das ist dort als Brei verarbeitet DAS Grundnahrungsmittel.“ Auch diese Hilfe ist, wie Monika Hauser berichtet, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Justus hat diejenige ausgesucht, die ohne uns verhungern würden. Einem Mann musste er, Als er das Mehl vorbeigebracht hat, sogar einen Brei zubereiten, weil dieser zu schwach war, das selbst zu tun“, schüttelt sie den Kopf. Weitere Einzelschicksale beschäftigen sie täglich: „Bernard, einer der Jungen, der von uns Mehl bekommt, ist Waise und seit mehreren Jahren für sich selbst verantwortlich. Ihm hat man alles gestohlen, was er in seinem Zimmer (wenn man das so überhaupt bezeichnen kann) noch hatte: Matratze, Kochgeschirr, Besteck und die zerrissenen T-Shirts. Unvorstellbar…“

Wie geht es weiter? „Das ist eine gute Frage. Wie lange die Situation noch anhält, kann man ja auch bei uns in Deutschland nicht abschätzen“, meint Monika Hauser. Sie will auf jeden Fall weiter machen – für die Menschen in Tiwi und Umgebung. Sie wollen helfen? Weitere Infos zu Asante unter www.asante-ev.org. Direkten Kontakt zu Wolfgang und Monika Hauser gibt es per E-Mail an endingen@asante-ev.de.