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Wichtiger Schritt und große Motivation

Ein Blick auf die vom Bundestag beschlossene Nachbesserung beim Notfallsanitätergesetz

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) begrüßt wichtige Nachbesserungen bei der geplanten Änderung des Notfallsanitätergesetzes (NotSanG). Durch die Änderungen, die der Bundestag Ende Januar beschlossen hat, erhalten die Notfallsanitäter mehr Handlungs- und Rechtssicherheit bei ihren Einsätzen. Im WZO-Gespräch erklären Thomas Bollig, Rettungsdienstleiter des DRK Emmendingen, und Tobias Blust, Ausbildungsleiter der Notfallsanitäter, die Hintergründe und die große Bedeutung der Gesetzesänderung.

Das DRK hatte sich seit Jahren dafür eingesetzt, dass Notfallsanitäter gemäß ihres Ausbildungsstandes auch bestimmte medizinische Eingriffe durchführen dürfen. Sie erreichen den Einsatzort meist vor dem Notarzt und müssen in lebensgefährlichen Situationen invasive heilkundliche Maßnahmen ergreifen oder Notfallmedikamente verabreichen, um Patienten zu retten. „In der Praxis wurde das seit vielen Jahren bereits praktiziert, die Notfallsanitäter setzten sich dabei aber der Gefahr aus, sich strafbar zu machen“, berichtet Thomas Bollig. Denn diese heilkundlichen Tätigkeiten sind aufgrund des Heilpraktikergesetzes von vornherein nur Ärzten erlaubt. Deshalb hatte das DRK Änderungen des Notfallsanitätergesetzes im Rahmen des MTA-Reform-Gesetzes gefordert. „In der geänderten Fassung des Gesetzes dürfen Notfallsanitäter bis zum Eintreffen eines Notarztes heilkundliche Maßnahmen nun eigenverantwortlich durchführen, wenn sie diese erlernt haben und dies erforderlich ist, um Lebensgefahr oder wesentliche Folgeschäden bei Patienten zu verhindern“, erklärt Bollig.

Wann kommt der Notarzt?

In Baden-Württemberg gilt die sogenannte „doppelte Hilfsfrist“. Die Hilfsfrist ist die Zeit, in der ein Patient im Notfall qualifizierte Hilfe bekommt. Aus notfallmedizinischen Gründen soll die Hilfsfrist möglichst nicht mehr als zehn, höchstens 15 Minuten betragen. Bei der doppelten Hilfsfrist muss diese Zeitvorgabe sowohl vom Rettungswagen als auch vom Notarzt eingehalten werden. „Meist ist der Rettungswagen vor dem Notarzt da“, so Bollig. Im Landkreis habe das DRK sechs Rettungswagen, hingegen seien nur drei Notärzte im Einsatz. „Unsere Notfallsanitäter wissen, was sie können“, sagt Tobias Blust. Die anspruchsvolle und praxisorientierte Ausbildung umfasse drei volle Jahre und werde mit einem Staatsexamen abgeschlossen. „Ein Notfallsanitäter ist jeden Tag hauptberuflich da draußen und beherrscht viele notärztliche Maßnahmen.“ Notwendig sei ein Notarzt dann, wenn die Notfallsanitäter an ihre Grenzen kommen. Im Einsatz gebe es zwischen Notarzt und Notfallsanitätern kein Hierarchiedenken, sondern ein kollegiales Miteinander. „Maßnahmen bei Menschen in akuter Lebensgefahr zu ergreifen ist der Job der Notfallsanitäter, genau dafür wurden sie so umfangreich ausgebildet“, betont Blust.

Dilemma selbst erlebt

Bollig und Blust können aus eigener Erfahrung berichten, was es heißt, wenn ein Notfallsanitäter im Einsatz Maßnahmen ergreifen könnte, aber eigentlich nicht darf. „Ich stand schon vor einem schwerverletzen Radfahrer, der vor Schmerzen schrie“, erinnert sich Bollig. Er sei geschult gewesen, hatte das Schmerzmittel zur Hand und durfte doch nicht tätig werden, weil der Notarzt noch nicht eingetroffen war. Blust erzählt von einem Notfalleinsatz, bei dem eine Patientin über extreme Bauchschmerzen klagte, alle Notärzte des Landkreises aber bereits anderweitig im Einsatz waren und auf ärztliche Hilfe aus Freiburg gewartet werden musste. Das Dilemma sei immer: „Mache ich jetzt was, oder nicht?“ Es gäbe immer wieder Notfälle, wo einfach sofort reagiert werden müsste. „Bei einer allergischen Reaktion auf einen Wespenstich kann jede Sekunde zählen, auch bei Wiederbelebungsmaßnahmen oder ähnlichem – da ist einem die Gesetzeslage vollkommen egal.“ Einem Patienten sei es letztendlich gleich, ob der Helfer Arzt oder Notfallsanitäter sei. Doch die Änderung des Notfallsanitätergesetzes bringe hier Verbesserungen und Rechtssicherheit. „Wenn in den allerseltensten Fällen geklagt wurde, dann nur auf unterlassene Hilfeleistung und nicht dagegen, dass lebensrettende Maßnahmen schnellstmöglich eingeleitet wurden“, sagt Bollig. Nicht zuletzt erleichtere die Gesetzesänderung auch die Versicherungssituation der Rettungsdienstmitarbeiter.

Weitere Änderungen gefordert

Es sei ein langer Weg gewesen bis hin zur Gesetzesänderung, „seit dem Inkrafttreten des Notfallsanitätergesetzes im Januar 2014 haben wir dafür gekämpft“, so Bollig. Das Vertrauen des Gesetzgebers sei eine „unglaubliche Motivation für alle Notfallsanitäter draußen.“ Doch es gelte weitere Verbesserungen zu erreichen.  Mit der Gesetzesänderung seien den Notfallsanitätern zwar mehr Kompetenzen eingeräumt worden, allerdings gäbe es noch immer Beschränkungen. „Daran kann der Gesetzgeber in Berlin aber wenig ändern, jetzt geht es auf die Landesebene“, sagt Bollig. Kommen sollten bindende Handlungsempfehlungen in Baden-Württemberg, wie es sie in anderen Bundesländern für Notfallsanitäter bereits seit langem gebe. Und Bollig und Blust wünschen sich, dass endlich die doppelte Hilfsfrist gekippt wird. „Diese ist antiquiert und nicht im Sinne der Patienten, auch Krankenkassen fordern die Abschaffung.“ Doch einige Lobbyisten sträubten sich, auch die sich im Wahlkampf befindlichen Politiker. Denn dieses „heiße Eisen“ wolle jetzt keiner anfassen. „Dabei ist doch klar, in vielen Einsätzen braucht es keinen Notarzt. Und nach Durchführung einer Rettungsmaßnahme durch Notfallsanitäter wird jeder Patient immer einem Arzt zugeführt“, betont Bollig. Bei Schlaganfällen etwa gehe es um jede Minute, da könne nicht immer auf einen Arzt gewartet werden, sondern es müsse so schnell wie möglich in die Neurologie gefahren werden.

Dass man den Notfallsanitätern eigentlich viel zutraue, habe sich auch in der Corona-Pandemie schnell gezeigt. Im Rahmen der Verordnung des Infektionsschutzgesetzes durften die Rettungskräfte seit März 2020 bereits im Einsatz heilkundlich aktiv werden.