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Die Innenstadt als Gemeinschaftsprojekt betreiben

„Pro Innenstadt“: Lokales Aktionsbündnis wurde am Montag von der Stadt, der Industrie- und Handelskammer und dem Gewerbeverein unterzeichnet

Emmendingen. Die Corona-Pandemie stellt die Innenstädte vor massive Herausforderungen. Alle Bereiche, die eine lebendige und vielfältige Innenstadt ausmachen, vom Handel über die Gastronomie bis hin zur Kultur und zum Tourismus sind nachhaltig beeinträchtigt. Um die Emmendinger Innenstadt zu stärken, unterstützt die IHK Südlicher Oberrhein Stadt und Gewerbetreibende in der Innenstadt im Rahmen eines lokalen Aktionsbündnisses.

Für die abgestimmte und zeitlich befristete Begleitung schließen die Beteiligten eine Vereinbarung. Am Montag wurde das lokale Aktionsbündnis „Pro Innenstadt“ im Sitzungssaal des Rathauses von OB Stefan Schlatterer, IHK-Präsident Steffen Auer und der Vorsitzenden des Gewerbevereins, Gabriela Beckmann, offiziell unterzeichnet. Die IHK wird die Stadt und das Gemeinschaftsprojekt im Rahmen des Bündnisses begleiten und mit entsprechenden Maßnahmen bis Ende des Jahres 2022 unterstützen.

Die Situation

Die Corona-Pandemie hat den strukturellen Wandel im Einzelhandel und den wachsenden Onlinehandel, der zu massiven Frequenzverlusten und Umsatzrückgängen geführt hat, noch beschleunigt. Handlungsbedarf ist dringend vonnöten, sonst bluten die Innenstädte aus. Mit dem lokalen Aktionsbündnis will man alle relevanten Akteure, die eine lebendige und vielfältige Innenstadt ausmachen, sprich Handel, Gastronomie, Kultur und Tourismus zusammenbringen und neue Ideen, Konzepte und Lösungen für die Zukunft entwickeln. Die Innenstadt ist Freizeitort, Begegnungsstätte, Einkaufsort und vieles mehr. Doch nicht zuletzt aufgrund der Pandemie ist die Funktionalität und die Vielfältigkeit des städtischen Zentrums nachhaltig beeinträchtigt. Trotz staatlicher Programme sind Existenzen und Arbeitsplätze gefährdet, die Kundenfrequenz nimmt stetig ab und das Einkaufs- und Besuchsverhalten hat sich grundlegend geändert.

„Kümmerer“, Beirat, Task-Force

Eine zentrale Rolle in der künftigen Zusammenarbeit nehmen die regionalen Innenstadtberater, die sogenannten „Kümmerer“ ein, die im Rahmen des Dialogprojekts „Handel 2030“ vom Wirtschaftsministerium gefördert werden. Die Stadt Emmendingen hat sich bereits Ende letzten Jahres für die Teilnahme am IHK-Projekt beworben und war damit eine der ersten Kommunen im Kammergebiet. Sieben Städte sind mit dabei, unter anderem Titisee-Neustadt, Ettenheim, Kehl und Oberkirch. Die IHK hat bis dato zwar noch keinen Zuschlag für die Förderung erhalten - gefördert werden 1,5 Stellen zu 80 Prozent - doch sie wird die Realisierung des Projektes nicht davon abhängig machen und steht für die Finanzierung grade, sagte IHK-Präsident Steffen Auer beim Pressegespräch am Montag der Stadt die vollumfängliche Unterstützung zu. Auch die Stadt und der Gewerbeverein werden sich finanziell einbringen. Das Aktionsbündnis sieht die Innenstadt als Gemeinschaftsprojekt und so sollen alle relevanten Akteure eingebunden werden. So wurde ein Lenkungskreis mit Vertretern von Stadt und Gewerbeverein eingerichtet, dem neben Wirtschaftsförderin Petra Mörder, Beate Desenzani (Abteilung Kultur, Sport, Freizeit), Gabriela Beckmann (Gewerbeverein), Christine Rötzer („Mahlwerkk“) und IHK-Handelsreferent Thomas Kaiser angehören. Das Gremium, das bereits drei Mal getagt hat, ist für die Organisation, Umsetzung und Kommunikation verantwortlich und hat zusätzlich die Rolle des Multiplikators inne. Daneben gibt es einen 24-köpfigen Innenstadt-Beirat unter Leitung von OB Schlatterer, besetzt mit Vertretern von Stadtverwaltung, Stadtratsfraktionen, Standortgemeinschaften, Einkaufsstraßen, IHK, Immobilienexperten und Stadtwerken. Die Innenstadt-Beiräte werden das Zentrum bei ihren „Stadtspaziergängen“ anhand eines Fragebogens genau unter die Lupe nehmen und so Stärken und Schwächen ausmachen.

IHK hat ein Türchen aufgemacht

„Die Innenstädte erleben nicht zuletzt durch die Corona-Krise derzeit einen Wandel. Der Online-Handel nimmt zu und so ist es in unserem Interesse das Zentrum mit seinen inhabergeführten Geschäften zu stärken und die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Wir waren schon lange am Thema Kümmerer oder City-Manager dran und die IHK hat uns dafür nun ein Türchen aufgemacht. Jetzt sind wir ganze vorne mit dabei“, so OB Schlatterer. „Die Veränderungen, sprich E-Commerce, haben schon lange vor der Corona-Zeit begonnen“, verwies IHK-Präsident Auer auf den Startschuss zum IHK-Projekt „Standortampel“ im Jahr 2012. Etwa die Hälfte aller Einzelhandelsgeschäfte sei in den Innenstädten angesiedelt. Jeder Händler habe erkannt, dass er etwas tun müsse, jetzt sei ein guter Zeitpunkt zu starten. „Wir müssen die Innenstädte als Gemeinschaftsprojekt betreiben, alles gehört zusammen“, stellte Auer fest, dass die Soforthilfen und Corona-Hilfen nun endlich bei den Unternehmen und Betrieb ankommen. Innerhalb der letzten beiden Wochen seien von der IHK landesweit rund 400.000 Anträge bewilligt worden.

„Pro Innenstadt“-Vereinbarung

Das 12-Punkte-Programm der Vereinbarung soll zur langfristigen Belebung und Stärkung des Innenstadthandels beitragen. Die beteiligten Akteure haben sich auf die Fahnen geschrieben, künftig die Außengastronomie zu fördern. So sollen Konzessionen für den Außenverkauf verlängert, die Erweiterung der Flächen ermöglicht und die Gebühren stabil gehalten werden. Auch Verkaufsstände für Waren und Dienstleistungen auf öffentlichen Flächen sollen genehmigt werden. Leerständen will man mit schnellen und temporären Umnutzungen begegnen und verlässliche Kern-Öffnungszeiten schaffen. Auch die digitale Sichtbarkeit von Handel und Gastronomie ist ein wichtiges Thema. Um die Geschäftsleute an die Zukunftsmärkte heran zuführen sollen Beratungen und Schulungen angeboten werden. Zudem will man die Aufenthalts- und Lebensqualität in der City erhöhen (Sitzmöglichkeiten, Begrünung, Beschattung), Events und Freizeitangebote zulassen sowie Kunst, Kultur und Vereine einbinden. Auch kleine Anlässe und Freizeitangebote sollten mit entsprechenden Hygienekonzepten bewusst in der Innenstadt stattfinden können. Für Ausstellungen und Auftritte von Künstlern und Musikern wolle man Kreativräume anbieten, beispielsweise Ausstellungen in Schaufenstern ermöglichen. Die etablierten verkaufsoffenen Sonntage, die Zusatzeinnahmen für Handel, Gastronomie und Dienstleister bedeuten, sollen beibehalten und gefördert werden. Innerstädtische Baumaßnahmen wolle man künftig frühzeitig kommunizieren und die Lokalität und Regionalität mit stadttypischen Besonderheiten oder Regionalmärkten sichtbar machen. Zudem soll das Image der Innenstadt Zielgruppen konform verbessert werden.

Erfolgreicher Projektstart

„Wir müssen das 12-Punkte-Programm der ‚Pro Innenstadt‘-Vereinbarung noch mit Inhalten füllen und eine einheitliche, wiedererkennbare Kommunikationslinie schaffen, denn wir wollen hier nicht bloß einen weiteren Arbeitskreis gründen“, betonte IHK-Handelsreferent und „Kümmerer“ Thomas Kaiser. „Ich werde alle beteiligten Städte mindestens zwei Mal pro Monat besuchen, in die Betriebe reingehen und einen Betriebscheck machen“, so der Experte. Das Kümmerer-Projekt laufe in allen 12 Kammern der IHK im „Ländle“ mit jeweils sechs bis acht teilnehmenden Städten. In Emmendingen seien schon gute Strukturen vorhanden, deswegen könnte das Gemeinschaftsprojekt hier besser unterstützt werden, so Kaiser. Die ad hoc-Maßnahmen, initiiert vom Lenkungskreis, seien beschlossen und angelaufen. Die 180 ansässigen Betriebe und Unternehmen im räumlich definierten Innenstadtbereich würden in vielfältiger Weise von der IHK unterstützt, so zum Beispiel bei der Auswahl und Beantragung von Corona-Hilfen, bei Digitalisierungsvorhaben oder bei der Fördermittelberatung. Auch eine Imagekampagne werde es geben, verwies er auf die gute Rücklaufquote der vor zwei Wochen durchgeführten Umfrage. Rund ein Drittel der Unternehmen hätten sich beteiligt. Thomas Gaess