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„Nach wie vor müssen Keller ausgepumpt werden“

Im Katastrophengebiet helfen auch Einsatzkräfte aus dem Landkreis Emmendingen – sie rechnen mit weiteren Fahrten

Kreis Emmendingen. Überschwemmungen, Erdrutsche, 150 Tote und eine zerstörte Infrastruktur: in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben Niederschläge eine verheerende Katastrophe ausgelöst. Unterwegs sind dort auch Kräfte aus dem Kreis Emmendingen. WZO-Redakteur Daniel Gorzalka hat sich mit Martin Hämmerle, Chef des Hochwasserschutzzuges, und Christian Leiberich, Leiter des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz, unterhalten.

Herr Leiberich, am Mittwoch wurden im Krisengebiet bis zu 150 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen. Wann kam der Hilferuf?

Leiberich: „Am Donnerstag um 15.41 Uhr meldete sich das Regierungspräsidium telefonisch bei mir. Aus Baden-Württemberg sollten insgesamt 100 Krankenwagen des Katastrophenschutzes ins Krisengebiet entsendet werden. In Absprache mit DRK-Kreisbereitschaftsleiter Andrej Hog erhielten dann vier gut ausgebildete ehrenamtliche Kräfte den Einsatzbefehl. Diese packten ihre Sachen und fuhren um 18 Uhr los. Sie verteilten sich auf zwei Fahrzeuge – eines aus Elzach, eines aus Herbolzheim. Wir vom Katastrophenschutz statteten sie mit Carepaketen aus. Darin waren Essen, Getränke, Klopapier und Bargeld zum Tanken für die ersten 24 Stunden.“

Wo genau kamen die beiden Krankenwagen zum Einsatz?

Leiberich: „Von Bruchsal aus ging es am Freitagmorgen in die Krisengebiete. Unsere Fahrzeuge wurden mit weiteren Fahrzeugen aus dem Regierungsbezirk nach Ahrweiler geschickt. Dort halfen sie in der Notfallrettung, unterstützten Evakuierungsmaßnahmen der Bundeswehr und räumten letztlich ein überschwemmtes Pflegeheim, in dem der Strom ausgefallen war. Die Bewohner wurden nacheinander in eine neue Unterkunft nach Bonn transportiert. Die Helfer waren den ganzen Tag unter sehr schwierigen Bedingungen unterwegs. Spät in der Nacht war der Einsatz beendet. Am Samstag fuhren die vier Rettungskräfte wieder zurück in die Heimat.“

Herr Hämmerle, parallel rückten Sie mit dem Hochwasserschutzzug aus.

Hämmerle: „Ja, unser 19-köpfiger Trupp setzte sich aus zwölf Kameraden aus Herbolzheim und neun Kameraden aus Mundingen zusammen. Mit Lucas Kimmi, Kommandant aus Kenzingen, führte ich den Zug. Mit fünf Fahrzeugen fuhren wir am Donnerstagabend von Herbolzheim aus in die Bundeswehrkaserne nach Hermeskeil. Erst um zwei Uhr kamen wir an. Nach einer kurzen Nacht begaben wir uns um 8.30 Uhr in den Bereitstellungsraum Helenenberg. Von dort aus ging es in den 2.000 Einwohner-Ort Ralingen am Grenzflüsschen Sauer.“

Wie war die Lage bei ihrer Ankunft?

Hämmerle: „Das Wasser hatte sich schon weitgehend zurückgezogen. Nur teilweise gab es leichte Überschwemmungen mit bis zu fünf Zentimetern. Hier und da sprudelte es aus der Kanalisation. Dafür waren die Straßen überzogen mit einer Schlammschicht. Hauptproblem waren die Keller in den Häusern. Diese standen völlig unter Wasser. Die Oberkante reichte bis zur Fensterbrüstung im EG. Weil Personal und Ausrüstung knapp waren, brauchte die Ralinger Feuerwehr Hilfe. Die Bewohner des Häuser hatten zwar kleine Tauchpumpen. Diese waren jedoch zu schwach.“

Wie gingen Sie vor?

Hämmerle: „Gemeinsam mit der Ralinger Feuerwehr und dem Kehler Hochwasserzug, der ebenfalls vor Ort war, pumpten wir nacheinander die Keller aus. Wir 19 Männer konnten in drei Häusern gleichzeitig arbeiten. Mit unseren elektrischen Tauchpumpen brauchten wir zwei bis drei Stunden, bis ein Keller leergepumpt war. Außerdem nutzten wir zwei Tragkraftspritzen, um das Wasser abzusaugen. Nach achteinhalb Stunden Arbeit waren alle Keller ausgepumpt. Ein Haus fehlte noch, aber das stand zu tief im Grundwasser. Gleichzeitig räumten wir mit dem Radlader den Schlamm von den Straßen. Mit den Spritzen machten wir die Fahrbahn sauber.“

Wie schwierig war der Einsatz?

Hämmerle: „Vor dem jeweiligen Auspumpen hatten wir uns immer versichert, dass der Strom im Haus abgestellt war. Trotzdem gingen wir nie direkt ins Wasser. Die Tauchpumpen führten wir von oben in den Keller ein. Gleich bei einem der ersten Häuser war ein Gastank aufgeschwemmt. Daher legten wir den Tankdeckel frei und schlossen das Ventil der Anschlussleitung. Alles in allem war der Einsatz anstrengend. Beim Auspumpen mussten wir immer wieder durch den Schlamm, durch das Wasser und über die Schläuche waten. Die kurze Nacht trug ihren Teil dazu bei.“

Wie ging es dann weiter?

Hämmerle: „Nach einer Übernachung in der Ralinger Halle wurden wir am Samstag zum zentralen Bereitstellungsplatz an den Nürburgring beordert. Dort wurde ein Bereitstellungsplatz für 1000 Kräfte eingerichtet. Nach fünf Stunden Wartezeit kam der Befehl, dass wir nach Hause fahren können. Am späten Samstagabend kehrten wir zurück.“

Wie lautet das Fazit?

Hämmerle: „Ich bin stolz auf das Team. Die Jungs haben einen super Job gemacht und auch das Miteinander war hervorragend. In Ralingen hatten wir es mit randvollen Kellern zu tun. Bei unseren Einsätzen im Landkreis steht das Wasser normalerweise nicht so hoch. Toll war auch der Kontakt mit den Einheimischen. Die Bevölkerung und auch die Ralinger Feuerwehr versorgten uns mit Kaffee, Getränken und Essen. Es war eine interessante Erfahrung und es war schön, dass wir helfen konnten.“

Herr Leiberich, sind denn jetzt noch Einsatzkräfte aus dem Landkreis im Krisengebiet?

Leiberich: „Ja, auf dem Bereitstellungsplatz am Nürburgring hat das THW Emmendingen die Organisation übernommen. Seit Sonntag ist außerdem die Notfallnachsorge des DRK-Kreisverbandes im Krisengebiet tätig. Wir gehen aber davon aus, dass es weitere Einsätze geben wird. Aus Baden-Württemberg rollen nach wie vor Hochwasserzüge. In den schwer getroffenen Gebieten können jetzt erst die Wege freigeräumt werden. Es gibt also noch viele Keller, die leergepumpt werden müssen.“

Was kann der Katastrophenschutz aus dem Unglück lernen?

Leiberich: „Ich habe seit 20 Jahren hauptberuflich mit dem Thema zu tun. Ein Hochwasser in diesem Ausmaß habe ich noch nie erlebt – weder 1996 an der Oder, noch 2002 an der Elbe. Ein Katastrophenfall ist nie ganz planbar. Man kann sich immer nur bis zu einem gewissen Grad vorbereiten, der Rest ist dann Improvisation. Unglücke wie das jetzige sind für uns Merksteine, aus denen wir lernen müssen. Auffallend war diesmal, dass Menschen ertrunken sind, weil sie nichts mitbekommen haben. Eine Nina-Warnapp bringt nichts, wenn das Netz zusammenbricht. Wir werden uns wieder mehr mit der Sirenentechnik auseinandersetzen müssen.“

Wie fit sind unsere Einsatzkräfte?

Leiberich: „Wir haben hier ein hohes Schutzniveau. In Deutschland gibt es 1,1 Mio. Feuerwehrangehörige – davon arbeiten eine Million ehrenamtlich. Diese Struktur ist historisch gewachsen. In anderen Ländern, die komplett auf hauptamtliche Kräfte bauen müssen, beneidet man uns darum. Ehrenamtliche Feuerwehrleute sind lokal verankert. Der Staat spart viel Personalkosten. Mehr als in anderen Ländern wird in die Ausstattung investiert. Wichtig ist, dass wir die Ehrenamtlichen weiter gut ausbilden. So können sie im Katastrophenfall auch anderswo helfen. Gleiches gilt für weitere Hilfsorganisationen wie dem THW, dem DRK, der DRLG und der Bergwacht.“

Was kann die Bevölkerung tun?

Leiberich: „Die Selbsthilfefähigkeit hat in den letzten 30 Jahren nachgelassen. Ein Stückweit liegt dies an der Kasko-Mentalität. Der Staat hat ja dafür Sorge zu tragen, dass nichts passiert. Erschreckend ist das in den Städten. Wenn dort im Keller daumenbreit das Wasser steht, wird die Feuerwehr gerufen. Auf dem Land nimmt man noch einfach einen Lappen und einen Eimer.“

Kann auch im Kreis Emmendingen eine solche Katastrophe eintreten?

Leiberich: „Letztlich kann man es nie ausschließen. Wenn die Elz richtig Gas gibt, dann können auch wir ein Hochwasserproblem bekommen. Die Lage in der Rheinebene kann uns ebenfalls treffen. Größte Achillesferse bleibt die Stromversorgung. Ein großflächiger langanhaltender Ausfall wäre fatal. Türen im Supermarkt blieben verschlossen, die Landwirtschaft würde zusammenbrechen, in Krankenhäusern würden Beatmungsgeräte ausfallen.“